Kolumne

Tim Thoelke über Expeditionen, Dichter und Fluchtversuche

 

 

In den letzten Monaten hatte ich Corona-bedingt unfreiwillig mehr Zeit als gewöhnlich zum Lesen und Fernsehen. Im Zuge dessen bin ich gleich zweimal über ein Thema gestolpert, welches mich als Fan von alten Seefahrergeschichten schnell in seinen Bann gezogen hat: die Franklin-Expedition und das damit verbundene Schicksal der beiden Schiffe HMS Erebus und HMS Terror.

 

So bot die Thematik sowohl Stoff für die erfolgreiche TV-Serie Terror als auch für das Buch Erebus: Ein Schiff, zwei Fahrten und das weltweit größte Rätsel auf See von Sir Michael Palin, der als Mitglied der Anarcho-Comedy-Truppe Monty Python bekannt geworden ist. Zwar inspirierte die mysteriöse Geschichte Sten Nadolny schon 1983 zu seinem Bestseller Die Entdeckung der Langsamkeit, den Anstoß zu den beiden oben genannten Veröffentlichungen der letzten drei Jahre aber dürfte im September 2014 der Fund der lange verschollen geglaubten Erebus gegeben haben. Fast 170 Jahre nach ihrem Verschwinden entdeckte man das erstaunlich gut erhaltene Schiff auf dem Grund des Nordpolarmeers, das Wrack der etwas kleineren Terror wurde zwei Jahre später weiter nördlich aufgespürt. Damit waren die beiden meistgesuchten Schiffe der Welt gefunden und man hoffte, endlich ein wenig Licht in ein zu großen Teilen im Dunkeln gebliebenes Stück Marinegeschichte bringen zu können.

 

Was exakt passierte, nachdem die beiden Segelschiffe am 19. Mai 1845 unter der Führung des Polarforschers Sir John Franklin aufbrachen, ist bis heute ungeklärt. Vor allem um das Ende und die letzten Jahre der Expedition ranken sich viele Mythen und Theorien. Klar ist, dass die von der englischen Krone ausgesandten Seeleute zur Ehre der Flotte die letzten noch unbekannten 500 Kilometer des Seewegs von Europa nach Asien kartieren und damit die legendäre Nordwestpassage finden sollten. Dafür rüstete man die ohnehin stabil konstruierten Kriegsschiffe um und stattete sie mit sämtlicher Technik aus, die seinerzeit zur Verfügung stand. Man war sich absolut sicher, durch modernste Hilfsmittel Packeis und Kälte besiegen zu können, doch leider stellte sich diese Ansicht als Fehleinschätzung heraus: Die nach ihrem Leiter benannte Franklin-Expedition scheiterte und alle 129 Beteiligten starben im Eis der Arktis.

 

Unzählige Suchtrupps wurden ausgesandt, doch weder die Schiffe noch ihre Besatzung wurden gefunden – und es verloren in den folgenden Jahren mehr Männer bei der Suche nach der Erebus und Terror ihr Leben, als diese an Besatzung zählten.

 

Lediglich vereinzelte Spuren der Expedition entdeckte man, die meisten davon nahe der kanadischen King-William-Insel. Deswegen nahm man lange an, die Erebus und Terror seien dort gesunken, nachdem sie im Jahre 1848 von ihren Mannschaften aufgegeben wurden. Richtig ist, dass die beiden Schiffe nördlich dieser Insel im September 1846 im Eis stecken blieben und dass die 105 zu diesem Zeitpunkt noch lebenden Expeditionsteilnehmer im April 1848 von Bord gingen. Die Männer hatten die Absicht, sich zum Festland durchzuschlagen, doch der Rettungsversuch misslang und kostete den größten Teil der Besatzung das Leben.

 

Durch die Fundstellen der Wracks weiß man heute, dass einige Überlebende zu den Schiffen zurückkehrten und es ihnen dank steigender Temperaturen gelang, die beiden Dreimaster doch noch aus dem Packeis zu befreien. Die Terror segelte darauf bis zur Südseite der King-William-Insel, die Erebus schaffte es mehr als 100 Kilometer weiter südlich, bis zur Adelaide-Halbinsel, wo sie schließlich erneut und endgültig im Eis stecken blieb.

 

Hätte man auf die mündlichen Überlieferungen der Inuit gehört, wäre die Erebus schon vor über 100 Jahren gefunden worden. Die Ureinwohner hatten schon damals von der späteren Fundstelle berichtet, doch man schenkte ihnen keine Beachtung – aus rassistischen Motiven und aus Überheblichkeit hielt man ihre Aussagen für unglaubwürdig.

 

Auch wenn die Inuit zu diesem Zeitpunkt noch keine Schrift kannten, hatten sie doch eine äußerst komplexe und präzise Erzählkultur, mit der sie Ereignisse wie das Erscheinen eines Schiffes über Generationen festhalten konnten. So berichteten sie, dass von der festgefrorenen Erebus noch einige Zeit Rauch aufstieg, außerdem, dass eine Planke vom Deck auf das Packeis geschoben worden war. Als sie längere Zeit keine Aktivität mehr an Bord feststellen konnten, näherten sie sich dem unbekannten Schiff. Fußspuren im Schnee bestätigten ihnen, dass die Männer es verlassen hatten. Als die Inuit es betraten, fanden sie unter Deck reichlich Unordnung und die Leiche eines »sehr großen weißen Mannes«. Wie sie erzählten, waren fünf Männer nötig, um den Toten hochzuheben.

 

Es ist unbekannt, wer dieser Mann war und ob er tot oder lebendig von seinen Kameraden zurückgelassen wurde, aber wenn ich mir vergegenwärtige, was er durchgemacht haben muss, in fast fünf Jahren polarer Kälte, in immer wiederkehrender monatelanger Dunkelheit, gezeichnet von Skorbut und Mangelernährung, nach einem gescheiterten Fluchtversuch zu Fuß über das Eis, in einer kompromisslos menschenfeindlichen Umgebung, eventuell als letzter Mann zurückgelassen, in völliger Isolation – dann kommen mir die derzeitigen Corona-Beschränkungen nicht mehr so schlimm vor. Im kuscheligen Wohnzimmer mit einem Buch in der Hand oder vorm Fernseher sitzend, meckert es sich dann doch auf vergleichsweise hohem Niveau.

 

 

Hinweis:

Zu diesem Thema hat Tim Thoelke auf seinem aktuellen Album »Böse See« ein Lied veröffentlicht, welches man hier probehören kann: Der letzte Tote der Erebus

 

 

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