LISTEN TO ITALO DISCO!

Die Geschichte des am meisten unterschätzten Musikgenres der Welt

 

Dieser Artikel von Tim Thoelke erschien in mehreren Teilen in der Printausgabe der Musikzeitschrift Persona Non Grata. Der erste Teil ist in der Ausgabe Nummer 76 vom August 2008 erschienen. Dies ist eine überarbeitete Version vom September 2011.

 

 

Hin und wieder wird in den einschlägigen Musikzeitschriften der Begriff ITALO DISCO bemüht, um die Sound-Ästhetik eines Künstlers oder Tonträgers zu beschreiben. Obwohl man bei Ebay mehrere Hundert Artikel zu dem Stichwort findet, liest man bei Wikipedia nur eine Handvoll Sätze zum Thema, die mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Trotz der Tatsache, dass dieses Musikgenre in den letzten Jahren ein kleines Comeback erlebt hat, schaut man meist in ratlose Gesichter, wenn man sich als ITALO DISCO-Fan outet.

 

Dieser Artikel hat sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte von ITALO DISCO zu erzählen und zu beweisen, wie wichtig das Genre für die Entwicklung moderner elektronischer Musik ist.

 

1977-1980 – AM ANFANG WAR DIE DISCO

ITALO DISCO entsteht zwischen 1977 und 1982 aus DISCO, ITALO POP, SPACE DISCO und ELECTRO FUNK. Niemand weiß ganz exakt zu sagen, wo und wann die Anfänge des Genres zu finden sind oder welcher Produzent genau die Initialzündung zur ITALO-Welle gegeben hat. Am besten lässt sich die Entwicklung vielleicht über maßgebliche Songs herleiten. Zehn davon geben hier in chronologischer Reihenfolge darüber Auskunft, wie und woraus ITALO DISCO entstehen konnte.

 

1.) SPACE – "Magic Fly", 1977

Ein europaweiter Hit, der nicht nur in Deutschland auf Platz 1 der Charts landet. Die Band aus Paris ist der Wegbereiter und Namensgeber von SPACE DISCO, einer süßen Unterart von DISCO, welche ITALO DISCO erheblich beeinflusst.

 

2.) GIORGIO MORODER – "From Here To Eternity", 1977

Der wahre Godfather des ITALO DISCO, lebt und produziert seit Ende der Siebziger in München (und ist außerdem kurioserweise der Neffe von Luis Trenker). MORODER schreibt und produziert 1977 nicht nur die futuristische und für das Genre einflussreiche Nummer "I Feel Love" von DONNA SUMMER, sondern bringt auch das ITALO-Wegbereiter-Album "From Here To Eternity" mit der gleichnamigen Single heraus. Dieses Album hat weniger Funk-Anteil als seine bis dato veröffentlichten LPs, ist deutlich elektronischer und kühler geraten. Es weist schon viele charakteristische Merkmale von ITALO DISCO auf und ist damit der "missing link" zwischen SPACE DISCO und ITALO DISCO.

 

3.) GIORGIO MORODER – "Chase", 1978

MORODER steuert den Song zum Soundtrack des Films "Midnight Express" ("12 Uhr Nachts") bei, geht damit den Weg von ITALO DISCO konsequent weiter und erhält dafür 1979 zu Recht den Oscar für die beste Filmmusik. Vielleicht der erste ITALO DISCO-Song überhaupt.

 

4.) PETER JACQUES BAND – "Walking On Music", 1978

Die Band um JACQUES FRED PETRUS aus Bologna wird '78 und '79 in vielen amerikanischen Discotheken gespielt und kann mit ihrer Speed-DISCO-Nummer somit quasi als der Türöffner für italienische Tanzmusik auf dem amerikanischen Markt angesehen werden.

 

5.) LA BIONDA – "One For You, One For Me", 1978

Obwohl von einigen als erster ITALO DISCO-Song bezeichnet, ist dieser schöne Klassiker aus Italien eigentlich noch DISCO pur. Der Synthesizer-geprägte ITALO-Sound entfaltet sich erst auf ihrer dritten, 1980 veröffentlichten LP "I Wanna Be You Lover" mit der großartigen gleichnamigen Single. Das Mailänder Produzententeam CARMELO und MICHELANGELO LA BIONDA produziert im Laufe der 80er noch einige sehr erfolgreiche ITALO DISCO-Releases, so zum Beispiel die komplette "Vamos A La Playa"-LP von RIGHEIRA und die (fragwürdige) PEPE GOES TO CUBA-Version von TONY ESPOSITOs "Kalimba De Luna".

 

6.) BLACK DEVIL – "’H’ Friend", 1978

Schon sehr nahe am späteren ITALO DISCO-Sound. Dahinter steht der Pariser BERNARD FEVRE. Klingt wie ein unheimlicher, düsterer Vorfahre der ITALO DISCO-Familie, von dem vor den Kindern nicht gesprochen wird. 2004 wird die 6-Track-LP "Disco Club" als zwei 12"s auf Rephlex re-released, außerdem gibt es 2006 die Reunion unter dem Namen BLACK DEVIL DISCO CLUB mit der Mini-LP "28 After". Hörenswert!

 

7.) EASY GOING – "Baby I Love You", 1978

Gay-Disco-Klassiker aus Rom, der die italienische Disco-Szene aufmischt und inspiriert. Auch berühmt durch das homoerotische Mosaik-Plattencover.

 

8.) UMBERTO TOZZI – "Gloria", 1979

ITALO POP-Hymne, im Original schon sehr erfolgreich, rauscht sie 1982 durch die englischsprachige Coverversion von LAURA BRANIGAN weltweit in die Top 10 der Single-Charts – in Kanada und Australien sogar auf Platz 1.

 

9.) TANTRA – "Hills Of Katmandu", 1979

Schneller DISCO-Sound mit Hippie-, Drogen- aber auch Electro- und Synthie-Elementen. Ein weiterer Schritt Richtung ITALO DISCO, auch erwähnenswert, weil TANTRA ein Projekt von CELSO VALLI ist, einem ITALO-Pionier, der auch unter diversen anderen Namen produziert, so zum Beispiel als AZOTO (u.a. mit dem großartigen DISCO-Hit "San Salvador"). Später ist er auch in der ITALO DISCO-Szene umtriebig, z.B. als Arrangeur von RAFs Über-Hit "Self-Control". Ebenfalls (zu recht) legendär ist der über 13-minütige Mix den Patrick Cowley 1982 von "Hills Of Katmandu" anfertigt.

 

10.) KANO – "It’s A War", 1980

Spacige Anti-Atomkrieg-Disco-Hymne. KANO prägen damit schon den Keyboard-Sound, der später das Genre ausmachen wird und sind somit ebenfalls ein wichtiger Wegbereiter. Bestehend unter anderem aus dem Italiener STEFANO PULGA, LUCIANO NINZATTI (beide sind auch PINK PROJECT und DHARMA) und dem aus der Karibik stammenden GLEN WHITE. Beeinflussen mit dem Klassiker "I’m Ready" aus dem gleichen Jahr auch die Breakdance-Szene erheblich. Haben dann 1983 mit "Another Life" einen europaweiten Mega-Hit, mit dem sie es in Deutschland auf Platz 10 der Single-Charts schaffen.

 

1982 – OBSKUR UND SIMPEL – DER SOUND

Als 1982 alles anfängt und die ersten "neuen" DISCO-Songs aus Italien in den Clubs gespielt werden, tut sich für die DJs und Tänzer eine neue Welt auf: Musik ganz ohne echte Instrumente. Die Beats kommen aus dem Drumcomputer, die Melodien aus dem Synthesizer. Die simplen Songs tragen eine typisch italienische Signatur: die futuristisch-spacige Atmosphäre und die catchy-kitschigen Melodien im 4/4-Takt. Die Stimme wird vorwiegend als Melodieinstrument eingesetzt, die Texte spielen kaum eine Rolle. Sie fallen höchstens durch die Banalität des Inhalts auf und durch den nicht zu knappen (italienischen) Akzent, vorgetragen oft unter Verwendung eines dicken Vocoder-Effekts.

Auch wenn die Keyboard-Sounds aus heutiger Sicht (im besten Fall) oftmals etwas "übertrieben" oder (im schlechteren Fall) sogar fürchterlich billig klingen, sind sie für die damalige Zeit weit vorne und hören sich für die '82er Tanz-Gemeinde wie der Aufbruch in die Zukunft an.

Anfangs in Ermangelung eines besseren Namens unter "SPAGHETTI-DANCE" geführt, wissen die Songs der mit der verstörend-genialen ITALO-Ästhetik schnell zu überzeugen und werden von der Club- und Disco-Szene äußerst dankbar angenommen.

 

NEIL TENNANT von den PET SHOP BOYS bringt später (1985) in einem Interview mit dem Record Mirror Magazine den ITALO-Sound folgendermaßen auf den Punkt:

 

"Eine Menge der Platten die wir mögen, kommen aus Italien. Ein Aspekt bei EURO DISCO (Anm. d. A.: so nennen die Briten damals ITALO DISCO) Platten ist, dass sie immer so verdammt billig klingen. Ich glaube, das macht ihren Reiz aus. Sie sind ein bisschen wie Punk-Platten – eingängig und aufregend und das mit den simpelsten Sounds. Wir fühlen uns von simplen Sounds und Rhythmen sehr angezogen [...]. Ich mag das einfach, ehrlich. Ich mag es, weil es obskur ist, und auch, weil es so fantastisch unmodern ist!"

 

 

1982: FÜNF WICHTIGE SONGS

 

1.) KLEIN & M.B.O. – "Dirty Talk"

Ein echter Underground-Hit, welcher sich später sogar in New Yorks Garage-Szene und Chicagos House-Community durchsetzt. Wird bis heute oft geremixt, gecovert und gespielt und darf definitiv als ITALO DISCO-Hymne gelten.

 

2.) KOTO – "Chinese Revenge"

Eine der wichtigsten Bands des Genres. Ihre erste Maxi, zuerst auf Cellophane Records, ein Jahr später als erste Veröffentlichung auf dem legendären Label Memory Records re-released. Bestehend aus ANFRANDO MAIOLA und STEFANO CUNDARI, ist dieses Duo ab 1983 ebenfalls verantwortlich für die Songs von BABY’S GANG und HIPNOSIS.

 

3.) GARY LOW – "You Are A Danger"

Seine erste (und großartige) Single die viele typische ITALO DISCO-Merkmale vereint, von denen man auch später noch hören wird. So zum Beispiel die Kombination von Piano und Synthesizer (wie in GAZEBOs "I Like Chopin"), den Kinderchor-Gesang (wie bei BABY’S GANG), die wunderbare Ahh-Ahh-Ahh-Gesangs-Hook und natürlich den unübertrefflichen italienischen Akzent, den GARY LOW wie kein anderer zu zelebrieren weiß. Schafft es in Italien auf Platz 5 der Single-Charts.

 

4.) DHARMA – "Plastic Doll"

Die mehr oder weniger einzige Veröffentlichung dieses coolen (Proj-)Acts. Wieder mal zeichnen Luciano Ninzatti und Stefano Pulga verantwortlich (KANO, s.o.).

 

5.) LECTRIC WORKERS – "Robot Is Systematic"

Eine aus heutiger Sicht sicherlich wegweisende Veröffentlichung von FRANCO RAGO und GIGI FARINA, die ihrer Zeit weit voraus war. Wurde 2000 auf Viewlexx und 2009 auf I.D. Limited wiederveröffentlicht.

 

1983 – DOLCE VITA – DER DURCHBRUCH

1983 war die ganz große und eigentliche Geburtsstunde von ITALO DISCO und ist für viele Fans das beste ITALO-Jahr ever.

 

Der deutsche ZYX-Records-Gründer und -Besitzer BERNHARD MIKULSKI erfindet zur besseren Vermarktung von Tanzmusik aus Italien den Begriff "ITALO DISCO" und veröffentlicht von ihm lizenzierte Songs auf der Compilation-Doppel-LP "The Best Of ITALO-DISCO Vol. 1". Hier taucht der Begriff ITALO DISCO zum ersten Mal offiziell auf, auch wenn er auf dieser Platte noch mit Bindestrich geschrieben wird. Schon beim im nächsten Jahr erscheinenden zweiten Teil der Reihe, der Triple-LP "The Best Of ITALO DISCO Vol. 2" liest man den Namen ohne Bindestrich und in den ab diesem Zeitpunkt immer wiederkehrenden, charakteristisch geschwungenen Buchstaben (den Schriftzug klaut er von der italienischen Jazz-Schallplatten-Reihe „Jazz Special – I Grandi Incontri"), die später oft in den Farben der italienischen Flagge gestaltet werden.

 

Ebenfalls noch 1983 lässt MIKULSKI einen Mix aus einigen von ihm lizenzierten ITALO-Hits anfertigen und bringt diesen unter dem Namen ITALO BOOT MIX Vol.1 auf den Markt – mit beachtlichem Erfolg. Er setzt die Reihe bis ins Jahr 1991 und Teil 16 (der mit ITALO DISCO aber schon nichts mehr zu tun hat) fort und schafft mit den Teilen sieben bis zehn sogar den Sprung in die deutschen Single-Charts.

 

MIKULSKI ist maßgeblich mitverantwortlich für den Erfolg von ITALO DISCO in Europa, vor allem natürlich auf dem riesigen deutschen Markt. Er verdient mit den Lizenzierungen und nie enden wollenden Best-Ofs und ITALO-Mixen Unsummen. Trotzdem ist Vorsicht geboten, wenn man glaubt, man bekäme mit dem Kauf der ZYX-Sampler die wirklich besten ITALO-Songs zu hören. ZYX wirft natürlich nur die eigenen Lizenzen als Best-Of auf den Markt, nicht aber die Unmengen von Songs, die Italien zum Teil nie verlassen.

 

Durch bezahlbar gewordene Keyboards und Synthesizer ist es leichter geworden, gute Produktionen herzustellen. Auf einmal sind auch Nicht-Profi-Musiker in der Lage, einfache Songs zu komponieren und aufzunehmen. Zahlreiche ITALO-Platten werden von Discjockeys produziert, eine musikalische Ausbildung haben die wenigsten. Sie produzieren einzig und allein nach ihrem persönlichen Geschmack, ihr gutes Gespür für tanzbare Musik hilft ihnen dabei. So fangen DJs und Hobbymusiker an, mit Drumcomputern zu experimentieren, spielen langsam mit einem Finger Keyboardmelodien und schrauben später die Geschwindigkeit mithilfe des Computers hoch. Natürlich sind die wenigsten von ihnen gute Sänger. Einige können kein Wort Englisch oder wissen nicht, wie man die englischen Worte ausspricht. Trotzdem will man natürlich für den internationalen Markt produzieren, außerdem gilt Englisch als cool, Italienisch erinnert zu sehr an vergangene ITALO POP-Zeiten. Die Künstler stellen somit notgedrungen die Texte in den Hintergrund und versuchen die Melodie- und Textunsicherheit mithilfe von übertriebenen Computer- und Vocoder-Effekten zu kaschieren. Im Extremfall führt das dazu, dass einige Texte unmöglich mitzusingen sind oder einfach keinen Sinn ergeben. Liebeslieder wie GAZEBOs "Love In Your Eyes" kann man nur noch als absurd bezeichnen, Textzeilen wie "You are just a damn sequencer, movin to the beat, living with a synthesizer, cold as a repeat" kann man wohl nur als Produzent nachvollziehen.

Mein persönlicher Favorit zum Thema Akzent ist GARY LOW und sein Hit "I Want You" von 1983, der zwanzig Jahre später durch MISS KITTIN & THE HACKER in "The Beach" gesamplet wurde.

Nichtsdestotrotz verdienen viele der oft noch jungen italienischen Musiker zum Teil sehr schnelles Geld mit ihren simplen Songs, die auf der Tanzfläche sehr gut funktionieren. Durch das einfache Produzieren und die "Scheiß-egal"-Einstellung der Macher (z.B. in Bezug auf die bereits erwähnte Fähigkeit, Englisch zu sprechen) gibt es eine wahre Flut von Veröffentlichungen, die schon bald die Charts von ganz Europa stürmen.

 

 

1983: FÜNF WICHTIGE SONGS

 

1.) GAZEBO – "I Like Chopin"

Vielleicht das bekannteste ITALO DISCO-Stück überhaupt. Die Chartplatzierungen sprechen für sich: Deutschland Platz 1, Italien Platz 1, Schweiz Platz 1. Neben vielen anderen großen Songs finden sich auf der LP "Gazebo" auch noch die Hits "Lunatic" und "Masterpiece".

 

2.) RYAN PARIS – "Dolce Vita"

Wer "I Like Chopin" nicht kennt, kennt aber ganz bestimmt "Dolce Vita" des Römers RYAN PARIS alias FABIO ROSCILOI. Der Song schießt europaweit in die Top 10 der Charts, so zum Beispiel in Holland auf Platz 1, in Deutschland auf Platz 3 und sogar in Großbritannien auf Platz 5!

 

3.) RIGHEIRA – "Vamos A La Playa"

Ein weiterer weltweiter Hit, der 1983 aus Italien kommt. Schafft es neben seinem Heimatland auch in der Schweiz auf Platz 1. Sie sind eine der wenigen ITALO-Bands, die Wert auf Texte legen. Statt eines locker-flockigen Beach-Textes im "Like Ice In The-Sunshine"-Stil, trällern RIGHEIRA in ihrem Sommer-Hit mal eben über die tödliche radioaktive Verstrahlung durch die Atombombe. Kam als auf Spanisch gesungene Version in die Hitparaden, gibt es aber auch auf Italienisch. Wie schon erwähnt, produziert von CARMELO und MICHELANGELO LA BIONDA. RIGHEIRA haben mit "No Tengo Dinero" noch einen massiven Folgehit.

 

4.) MR. FLAGIO – "Take A Chance"

Die einzige Veröffentlichung dieses ITALO-Underground-Tipps. Wurde 2007 von DJ HELL auf "Hellboys – Italo Megamix By DJ Hell" prominent kompiliert und damit einer breiteren Masse zugänglich gemacht. Schöne Zusammenstellung übrigens, herausstellenswert darauf ist auch B.W.H mit "Livin Up", hier präsentiert von CASCO, der ebenfalls 1983 debütierte, mit "Cybernatic Love", einem atemberaubenden Vocoder-Synthesizer-Pop-Meisterwerk!

 

5.) HIPNOSIS - "Pulstar"

Nennen sich außerhalb Italiens HYPNOSIS und haben mit dem VANGELIS-Cover von "Pulstar" einen dicken Hit (Platz 10 in Deutschland). Das omnipräsente, hinter HIPNOSIS stehende Produzentenduo STEFANO PULGA und LUCIANO NINZATTI (s.o.) entert schon 1982 mit einer anderen Coverversion die Charts. Als PINK PROJECT mit dem Song "Disco Project" (Cover von PINK FLOYDs "Another Brick In The Wall") kommen sie in Italien und Deutschland in die Top 20. Die Nummer ist zwar alles andere als spannend, findet aber hier Erwähnung, da sie einer der ersten internationalen ITALO DISCO-Chart-Hits überhaupt ist.

 

1984 – ES GIBT NUR COOL ODER UNCOOL

Mit dem einsetzenden Erfolg wollen natürlich viele Künstler europaweit auf den ITALO-Zug aufspringen. Neben ITALO DISCO kommt der Begriff EURO DISCO auf. Was unterscheidet die beiden? Wodurch wird man zum ITALO-Act? Hier scheiden sich bis heute die Geister.

 

ITALO DISCO-Acts sind in Italien nicht signifikant erfolgreicher als in anderen Ländern, und nicht alle Musiker und Bands, die allgemein dem Genre zugerechnet werden, kommen auch wirklich aus Italien. So sind zum Beispiel laut Wikipedia TRANS-X (die 1983 mit dem brillanten Song "Living On Video" glänzen) ein „kanadischer ITALO DISCO-Act" (andere sprechen hier von CANADIAN DISCO).

Viele Die-Hard ITALO DISCO-Fans verbuchen ALLE nicht-italienischen Künstler (und besonders die aus Deutschland) die in dieser Zeit einen ähnlichen Sound produziert haben, unter EURO DISCO (und werten sie damit de facto ab). Manche tun dies sogar mit italienischen Künstlern, die auf nicht-italienischen Labels veröffentlicht haben.

 

Aber kann man wirklich alle Nicht-Italiener als ITALO DISCO-Acts ausschließen?

 

Der deutsche Künstler FANCY zum Beispiel legt mit "Slice Me Nice" und "Chinese Eyes" 1984 zwei Songs vor, die in vielen Punkten mit der italienischen Produktions- und Herangehensweise übereinstimmen. Die übertriebene Melodiösität der Songs, der deutliche (in diesem Fall deutsche) Akzent, der mehr oder minder sinnfreie Text, die Keyboard-Sounds, die grundsätzlich eine Spur "too much" (aber natürlich trotzdem sehr cool) sind und selbst das überschminkte Äußere des Sängers (ähnlich wie bei MIKO MISSION) passen perfekt ins ITALO DISCO-Schema.

Wenn man ITALO DISCO als Musikgenre versteht und nicht als musikalisch-geografische Bezeichnung, gehören noch einige Acts mehr zur ITALO-Familie. Neben den oben erwähnten TRANS-X sind dies zum Bespiel die Holländer LASERDANCE, STACEY Q aus den USA und MIKE MAREEN aus Lüneburg, der mit "Love Spy" 1986 noch einen späten und sehr dicken ITALO-Hit hat.

 

Trotzdem gibt es natürlich Genregrenzen und Acts, die jenseits dieser liegen. DIETER BOHLENs MODERN TALKING und C.C.CATCH sowie BAD BOYS BLUE und SANDRA (MICHAEL CRETU) verfolgen für mich einen anderen, wesentlich glatteren Ansatz. Die durchgeknallte wie elegante Coolness von ITALO DISCO können sie nicht für sich verbuchen. Ihnen fehlt einfach der Punk-Appeal, die "Scheißegal, Hauptsache machen"-Attitude. Bei diesen Acts gibt es keine achselzuckend einkalkulierte unfreiwillige Komik, niemals ist irgendetwas "over the top". Sie sind akribisch ausgedacht und durchgeplant und dementsprechend weichgespült und warmgerubbelt. Diese Künstler fallen in das Genre EURO DISCO, sie wurden zwar massiv von ITALO DISCO beeinflusst, waren es aber nie und wollten es wohl auch nie sein.

 

Man muss ITALO DISCO als Musikgenre begreifen, und natürlich gibt es Künstler, die genreübergreifend produzieren und arbeiten. Die reine Herkunft des Musikers oder sogar der Firmensitz des Plattenlabels kann in einer internationalen Form der Kommunikation wie Musik jedoch kein seriöses genrespezifisches Merkmal sein.

 

 

1984: FÜNF WICHTIGE SONGS

 

1.) RAF – "Self Control"

Wurde zum Teil auch RAFF geschrieben (um nicht mit der terroristischen Vereinigung in Bezug gebracht zu werden). Eine sehr erfolgreiche Nummer des Sängers RAFFAELE RIEFOLI. Kurioserweise coverte LAURA BRANIGAN das Stück (wie auch schon "Gloria") und brachte ihre Version ebenfalls 1984 auf den Markt. So stiegen beide Versionen gleichzeitig in den Charts nach oben. Im Juni 1984 war die Version von BRANIGAN in Deutschland auf Platz 1 und zeitgleich das Original auf Platz 2! Hat es danach nie wieder gegeben.

 

2.) KEN LASZLO – "Hey Hey Guy"

Er verkaufte weltweit über eine Million Platten und war im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen auf der Musikhochschule. Ebenfalls empfehlenswert: die '87er Single "1.2.3.4.5.6.7.8" (niemand weiß, warum der achte Punkt fehlt).

 

3.) SCOTCH – "Disco Band"

Der Hustenhit. Kommt in Deutschland auf Platz 3.

 

4.) ROSE – "Magic Carillon"

Für viele Fans das beste ITALO DISCO-Stück aller Zeiten. Schafft es bei Internet-Votings regelmäßig auf Platz 1 der Experten-Charts. Sensationeller Song, der schon nach dem ersten Hören für Tage hängen bleibt. Seht euch das Video bei YouTube an, diese Frau badet morgens in ITALO-Sexappeal!

 

5.) BABY’S GANG – "Challenger"

Auch dieses Video kann man bei YouTube bewundern, und es ist ebenfalls überaus sehenswert, allerdings aus völlig anderen Gründen. Die Klamotten (Jogginganzüge), die Choreografie (Synchronität?), die Location (im Plattenbaugebiet) – das ist eben auch ITALO DISCO, manchmal unfreiwillig komisch und außerordentlich in seiner Zeit gefangen.

 

1985 – PEAKTIME UND PLATTEN-OVERKILL

In der ITALO DISCO-Peaktime Mitte der 80er ist vor allem die unglaubliche Menge an Veröffentlichungen bemerkenswert.

 

Trotz der billigen Produktionen, der Menge an Releases und der Tatsache, dass kaum ein Künstler die musikalische Substanz hat, sich längere Zeit in den Charts zu halten und damit in Erinnerung zu bleiben, kommt es zu einem explosionsartigen Erfolg von ITALO DISCO in fast ganz Europa, über den Eisernen Vorhang hinweg bis nach Russland und später sogar nach Asien und Südamerika.

 

Auch wegen des hohen Dollar-Kurses und der damit verbundenen hohen Import-Kosten von Platten aus den USA, überschwemmen die Italiener mit ihren äußerst preiswerten Produkten den europäischen Markt. In Florenz zum Beispiel gibt es in dieser Zeit mehr oder weniger keinen DJ mehr, der keine Maxi draußen hat. Fachleute sprechen von mehr als 3000 Releases pro Jahr, herausgebracht von weit über hundert Labels!

 

Die einschlägigen Produzenten gründen Dutzende Sub-Labels und komponieren zum Teil über hundert Songs pro Jahr. Hinter vielen Projekten stecken immer die gleichen Leute unter verschiedenen Namen. Die Stimmen von KEN LASZLO, FRED VENTURA, EDDY HUNTINGTON, ROSE, TOM HOOKER, JOE YELLOW und ALBERT ONE erklingen in unzähligen Songs von diversen Interpreten. Sehr viele Acts bringen nicht mehr als eine oder zwei Singles auf den Markt, bevor man nie wieder etwas von ihnen hört. Bis heute rätseln und streiten selbst ernannte Experten, wer dieses oder jenes Lied gesungen haben könnte oder welcher Produzent sich hinter dem einen oder anderen Alias verbirgt.

 

Einer der kuriosesten Fälle ist warscheinlich der Act DEN HARROW, dargestellt durch STEFANO ZANDRI, einem gut aussehenden Typen, der jahrelang nur Playback singt. Schon die Wahl des Künstlernamens DEN HARROW, abgeleitet von "Denaro", dem italienischen Wort für "Geld" ("Mach DENARO mit DEN HARROW.", heißt es lachend im Studio), sagt einiges über den Humor im Umgang mit den Fans aus. Nach weltweit vier Millionen verkauften Platten und dem vierten (!) Studiosänger, zu dem DEN HARROW seine Lippen bewegt, fliegt der Schwindel schließlich auf, weil DEN a.k.a. STEFANO die Songs schließlich selbst singen will, aber keinen Ton halten kann. Nach dem Coming Out stellt sich heraus, dass es TOM HOOKER war, der die erfolgreichsten Hits von DEN HARROW gesungen hat ("Bad Boy", "Future Brain" und "Don't Break My Heart"). Dieser kann auch unter seinem eigenen Namen noch Erfolge verbuchen. Am Ende weiß niemand mehr zu sagen, wer DEN HARROW ist. STEFANO ZANDRI? Das Produzentenduo CHIEREGATO und TURATTI? Der Erfolgs-Sänger TOM HOOKER?

 

 

1985: FÜNF WICHTIGE SONGS

 

1.) BALTIMORA – "Tarzan Boy"

Stürmt die Charts von ganz Europa und später auch der USA. Repräsentiert von dem Nordiren JIMMY McSHANE. Der eigentliche Sänger war aber wohl der Komponist MAURIZIO BASSI. Da McSHANE schwul war, wird der Song später eine kleine Homosexuellen-Hymne.

 

2.) SILVER POZZOLI – "Around My Dream"

Heißt eigentlich SILVIO mit Vornamen, SILVER fand er aber irgendwie cooler (wie wir alle). Singt auch Background bei BALTIMORAs Album "Living In The Background" (der Titel dürfte also ihm gegolten haben). Der Song schafft es in Deutschland in die Top 10.

 

3.) MARTINELLI – "Centerentola (Cinderella)"

Der Song mit dem Kuckuck! Hinter MARTINELLI stecken ALDO MARTINELLI und FABRIZIO GATTO, die bereits 1984 unter dem Namen RAGGIO DI LUNA (MOON RAY) mit dem Song "Comanchero" einen riesigen Hit haben.

 

4.) MAX-HIM – "Lady Fantasy"

Das Gesicht von MAX-HIM ist FLORIAN FADINGER, der später der Manager von SVEN VÄTHs Band OFF wird. Gesungen hat er aber, wie so viele andere auch, keinen Ton. MAX-HIM ist später noch äußerst erfolgreich in Japan und verkauft insgesamt über acht Millionen Platten.

 

5.) MY MINE – "Cupid Girl"

Eines meiner persönlichen ITALO DISCO-Lieblingslieder. MY MINE haben 1983 mit „Hypnotic Tango" einen großen Hit (kommt im Januar 85 in Deutschland auf Platz 5), der inzwischen diverse Male gesampled wurde und der es in der (schlimmen) Coverversion von MASTER BLASTER im Jahr 2002 sogar noch einmal in die Top 10 schafft. Produziert wird MY MINE von MAURO MALAVASI, der schon in den 70ern in Italien DISCO-Hits mit JAQUES FRED PETRUS (s.o.) und bis heute Welterfolg mit unzähligen Produktionen hat (CHANGE, B.B. & Q. BAND, TONY ESPOSITO, ANDREA BOCELLI uva.).

 

1986 – DER SPRUNG IN DIE USA

1986 schaffen gleich zwei Songs den Sprung in die Top 50 der US-Charts: PAUL LEKAKIS mit der völlig bekloppten Nummer "Boom Boom (Let’s Go Back To My Room)" und, ein Jahr nach Release, BALTIMORAs "Tarzan Boy". Ein Novum, da ITALO DISCO-Songs bisher in den Charts der USA absolut keine Rolle spielten. "Tarzan Boy" landet im Frühjahr 1986 auf Platz 13, wohl geschuldet der Tatsache, dass der Song in einem Toyota TV-Werbespot eingesetzt wird. Trotzdem bleibt ITALO DISCO in den USA bis zum Schluss ein Underground-Thema. Man versucht, Instrumental- Acts wie LASERDANCE und KOTO unter dem Begriff SPACESYNTH zu vermarkten, da der Begriff DISCO Mitte der Achtziger in den USA als extrem uncool angesehen wird (u.a. eine Auswirkung der Disco Demolition Night vom Juli 1979). Sie schaffen aber ebenfalls nie den Sprung in den Mainstream.

 

Dennoch ist der Einfluss von ITALO DISCO auf die US-Underground-Szene nicht zu unterschätzen. FRANK KNUCKLES legt schon seit 1983 im legendären Warehouse in Chicago (nach dem später das Genre HOUSE benannt wurde) italienische Produktionen auf. Er macht sie zu Hits der dortigen Partygemeinde, ebenso macht es LARRY LEVAN im New Yorker Kult-Club Paradise Garage.

 

CHARLIE GRAPPONE, der seinen berühmten Plattenladen VinylMania direkt um die Ecke der Paradise Garage betreibt, und sich selbst als ausgewiesenen Musik-Fachmann bezeichnet, muss seinen Kunden häufig verzweifelt eingestehen, dass er "absolut keine Ahnung" hat "was Larry (Levan) da letzte Nacht wieder Komisches gespielt hat".

GRAPPONE reagiert darauf, indem er zwei Paradise Garage-DJs als Ein- und Verkäufer einstellt und kurzerhand direkt neben seinem Laden noch einen zweiten eröffnet, der ausschließlich 12"-DJ-Vinyl führt, unter anderem auch die gesuchten italienischen Scheiben. Der folgende riesige geschäftliche Erfolg gibt ihm recht.

 

Obwohl der futuristische Sound aus Italien die Chicagoer House-Szene nachweislich inspiriert und beeinflusst hat, leitet tragischerweise genau das schließlich das Ende von ITALO DISCO ein. Ende 1986 schwappt aus Chicago die HOUSE-Welle in die US-Clubs, nach Großbritanien und schließlich nach ganz Europa. In den angesagten Clubs sorgen ITALO DISCO-Songs mehr und mehr für leere Tanzflächen. Den schnellen 808 und 909-Beats von HOUSE und ACID haben sie nichts entgegenzusetzen.

 

 

1986: FÜNF WICHTIGE SONGS

 

1.) EDDY HUNTINGTON – "U.S.S.R."

Ein Engländer, der nach Mailand ging, um Popstar zu werden. Großer Song, der (außer in England) in ganz Europa im Radio lief. Selbstverständlich auch in der ehemaligen UdSSR. In Russland ist EDDY HUNTINGTON auch heute noch ein gefeierter Star, obwohl er sich längst aus dem Geschäft zurückgezogen hat und inzwischen als Lehrer arbeitet. Der Songtext stammt aus der Feder von TOM HOOKER.

 

2.) MIKE MAREEN – "Love Spy"

Ein fantastischer und unumgänglicher Hit des in Lüneburg lebenden Seemanns mit dem charakteristischen Schenkelbesen (der wohl eine Hommage an Godfather Giorgio Moroder ist). Funktioniert auch heute noch bestens auf dem Indie- und Electrodancefloor, auch weil er mit 130 BPM einfach deutlich schneller ist als der normale ITALO-Song.

 

3.) CYBER PEOPLE – "Doctor Faustu's"

Die dritte Single dieses Projekts, zwei Jahre nach "Polaris" und "Void Vision". Nachdem die ersten beiden Singles noch von GIORGIO "THEO" SPAGNA geschrieben wurden, nehmen bei "Doctor Faustu's"  nun die beiden Tausendsassa STEFANO CUNDARI und ALESSANDRO ZANNI, die beiden Gründer und Besitzer des wichtigen ITALO-Labels Memory Records (s.o.) das Heft in die Hand und THEO ist einfach mal raus. Ein weiteres Beispiel für den Umgang mit Projektnamen und ein prominenter Vertreter des oben erwähnten SPACESYNTH.

 

4.) TOM HOOKER – "Looking For Love"

Der Song weiß durch seine für die Zeit untypisch beunruhigende Melodie zu überzeugen. Eigentlich ja bekannter als Stimme von DEN HARROW, ist dies der größte Solo-Hit des in Italien lebenden Amerikaners unter seinem eigenen Namen. TOM HOOKER schreibt auch den Text der schon oben erwähnten Hitsingle "Boom Boom (Let’s Go Back To My Room)", den man auch heutzutage noch in den Discotheken der einschlägigen Urlaubsorte am Mittelmeer hört. TOM dürfte somit besonders in diesem Jahr der GEMA-Abrechnung entgegengefiebert haben.

 

5.) STACEY Q – "Two Of Hearts"

Die Amerikanerin STACEY Q mit der exzentrischen Haarpracht ist STACEY LYNN SWAIN, die den ITALO-Sound 1986 an die Spitze der US-Charts bringt. Der Songs landet in den USA auf Platz 3, wäre aber wohl auf Platz 1 gegangen, wenn die Single nicht zeitgleich bei zwei verschiedenen Labels erschienen wäre, die bei der Ermittlung der Charts getrennt berücksichtigt wurden. STACEY bedient sich mit beiden Händen an den italienischen Produktionen und wird damit zum erfolgreichsten US-amerikanischen ITALO-Act.

 

1987 – IN JAPAN GEHT NOCH WAS

Kommerziell gesehen funktioniert ITALO DISCO 1987 noch ziemlich gut, künstlerisch gesehen ist die Luft schon mehr oder weiniger raus. Trotz vereinzelt noch recht gelungener Songs ist das Ende von ITALO DISCO bereits abzusehen und wird Ende 1987/Anfang 1988 schließlich endgültig erreicht. Die italienischen Künstler versuchen noch einmal das schnelle Geld zu machen, indem sie sich mehr in Richtung EURO DISCO orientieren, ein anderer Teil saugt den Sound aus den USA auf und orientiert sich in den nächsten Jahren in Richtung HOUSE. Die Songs werden schneller, die Bassdrum lauter. ITALO HOUSE wird geboren und durch Acts wie BLACK BOX berühmt und mündet schließlich ab 1990 in das nächste große Ding: EURODANCE.

 

In Japan aber geht es 1987 erst richtig los. EUROBEAT, wie die Japaner einfach alle ITALO und EURO DISCO-Produktionen nennen, wird äußerst erfolgreich und mutiert in den nächsten Jahren zu einer schnelleren und nur für den japanischen Markt geschaffenen Variante namens SUPER EUROBEAT, noch später kommt der Begriff EUROBEAT FLASH auf. Beide Musikrichtungen existieren außerhalb Japans de facto nicht. Auch heute noch produzieren Italiener für den dortigen Markt Songs, allerdings mit im Gegensatz zu früher deutlich heraufgesetzter BPM-Zahl.

 

 

1987: FÜNF WICHTIGE SONGS

 

1.) SABRINA – "Boys (Summertime Love)"

Die aus Genua stammende SABRINA SALERNO, die ja eigentlich eher für ihr Dekolleté bekannt ist als für ihre Stimme, schiebt sich mit diesem Song an die Spitze der Charts fast jedes europäischen Landes. Im gleichen Jahr erscheint auch das erste Album "Sabrina", gefolgt im nächsten Jahr vom zweiten Album "Super Sabrina". Leider schloss sich 1989 nicht die LP "Mega Sabrina" an, sondern nur "Over The Pop". Enttäuschend.

 

2.) SPAGNA – "Call Me"

IVANA SPAGNA kann mit dieser Nummer den Erfolg von "Easy Lady" aus dem Vorjahr noch toppen. In Großbritannien schafft sie es bis auf Platz 2 – bis heute die höchste Platzierung in den UK-Charts, die je von einem Sänger oder einer Sängerin aus Italien erreicht wurde.

 

3.) ITALIAN BOYS – "Forever Lovers"

Eher ein Geheimtipp, in der ITALO-Szene aber sehr beliebt. Von den beiden Norditalienern LUCIO MANFREDINI und STEFANO FRANCESCONI aus Modena, die hier mit der Zeit gehen und mit ihren Rap-Parts zu italienischen Grandmaster Flashs mutieren!

 

4.) HIPNOSIS – "Droid"

Wie immer bei HIPNOSIS eine Coverversion. Diesmal eine des '78er Klassikers von AUTOMAT, das MITO schon 1982 covern. HIPNOSIS legen hier die insgesamt beste Version des Songs vor. Ergreifendes Synth-Pop-Stück.

 

5.) DEN HARROW – "Don’t Break My Heart"

Mister Schlafzimmerblick mit einer balladesken Emo-Pop-Hymne. Das kommerziell erfolgreichste Stück des Phänomens DEN HARROW. Gesungen natürlich von TOM HOOKER.

 

2011 – QUO VADIS ITALO DISCO?

ITALO DISCO erfährt seit einigen Jahren eine Renaissance. Immer mehr Coverversionen von alten ITALO DISCO-Songs werden veröffentlicht, alte ITALO-Musiker treten plötzlich wieder auf. Viele Acts von damals veröffentlichen seit Ende der 90er noch einmal aufgepumpte Remixe ihrer größten Hits, zum Teil mit Erfolg. Bekannte DJs und Produzenten wie DJ HELL, TIGA oder I-F bauen alte ITALO-Platten in ihre Sets und Songs ein und veröffentlichen Zusammenstellungen ihrer Lieblings-ITALO-Hits. Immer neue Best-Of-Alben erscheinen, und der ITALO-Sound hat ungebrochen großen Einfluss auf viele Künstler der elektronischen Tanzmusik – einige aktuelle Produktionen klingen fast so, als wären sie 1983 entstanden.

 

Auch der Mainstream entdeckt das Thema für sich: die 80er-Chart-Shows der privaten Fernsehsender ebenso wie zum Beispiel die deutschen MASTER BLASTER. Sie bringen 2003 mit großem Erfolg ein Album mit dem Titel "I Love ITALO DISCO" auf den Markt, bestehend fast ausschließlich aus Großraum-Bums-Coverversionen von alten ITALO-Klassikern.

 

In unzähligen Foren im Internet werden Fragen zum Thema diskutiert, Platten getauscht, absurde Votings initiiert, der Zeit hinterhergetrauert und natürlich: Charts gemacht. Doch viele ITALO DISCO-Songs, die heutzutage in den Top 100 der Fangemeinde auftauchen, haben zur Zeit ihrer Veröffentlichung die Grenzen Italiens nie verlassen. Da der vorwiegende Teil der Produktionen aus dem wohlhabenderen Norditalien kam, waren einige der Platten noch nicht einmal im Süden Italiens zu bekommen, teilweise noch nicht einmal in Rom. Von Airplay brauchen wir erst gar nicht zu sprechen.

 

Dem Internet sei Dank, kann man sich heute aber fast alles anhören, so gibt es zum Beispiel inzwischen diverse Online-Radios die ausschließlich ITALO DISCO-Platten spielen. An die entsprechenden Originale auf Vinyl heranzukommen, ist allerdings nicht so einfach. Viele Sammler aus aller Welt haben sich des Themas angenommen. Einige offensichtlich sehr wohlhabende Fans, häufig aus den USA oder Japan, sind bereit, astronomische Summen für rare Schätzchen zu bezahlen. Preise von 500 Euro und mehr werden pro Maxi erzielt, vereinzelt sieht man bei Ebay Auktionen, die bei Geboten von über 1000 Euro enden. Man spricht von über 10.000 ITALO DISCO-Vinyls, und einige Liebhaber haben sich ernsthaft vorgenommen, ITALO DISCO auf Vollständigkeit zu sammeln.

 

Wie auch immer man zum ITALO-Sound stehen mag, man muss diesem oft belächelten Genre einen festen Platz in der Geschichte der elektronischen Tanzmusik einräumen. Es war das erste Genre, welches rein elektronische Musik hervorbrachte, die fast auschließlich für den Dancefloor produziert wurde. Wie heute machten diese Musik die DJs selbst, was bis zu diesem Zeitpunkt undenkbar gewesen war. Sie stellten Produkte her, die nur wenige Wochen funktionieren mussten, bevor man die nächste Melodie unter einem neuen Namen in den Synthie spielte.

 

ITALO DISCO hat viele folgende Musikrichtungen beeinflusst, manche, wie zum Beispiel EURODANCE, sind direkt daraus hervorgegangen. Somit stellt ITALO DISCO neben HIP-HOP (resp. ELECTRO) das wichtigste Bindeglied zwischen der Tanzmusik der späten 70er (DISCO) und der späten 80er (HOUSE, TECHNO) dar und ist somit entscheidend verantwortlich für die Entwicklung moderner elektronischer Musik. Basta!

 

Hier den Sound zum Artikel anhören: 

"1981-2011 - 30 Years Of Italo Disco" Mix von Tim Thoelke 

 

 

 

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