Kolumne

Tim Thoelke über Flohmärkte, Königinnen und Dringlichkeitsbescheinigungen

 

 

Foto: Enrico Meyer

Ob auf der Alten Messe, der Pferderennbahn oder der agra, auf dem Gelände der Kleinmesse oder der Feinkost, Leipzig beherbergt viele schöne Flohmärkte. Neben der Gelegenheit zu einem kleinen Spaziergang und einem eventuellen Schnäppchen bietet sich dort auch immer wieder die Möglichkeit, ein wenig mehr über die Geschichte unserer Stadt zu erfahren. Als ich kürzlich über den sogenannten Nachtflohmarkt auf dem agra-Gelände schlenderte, erregte ein leicht angerostetes, etwa 40 x 35 cm großes Blechschild meine Aufmerksamkeit, das folgendermaßen beschriftet war:

 

 

 

Beim Ertönen des Klingelzeichens

ist der Kollege

Rolf Steche

7033 Lindenau

Güntherstr. 11

zu benachrichtigen

 

Dieser Satz warf einige Fragen in mir auf, weswegen ich das rätselhafte Objekt in meinen Besitz bringen wollte. Die acht Euro, die der Händler dafür verlangte, zahlte ich gerne und beim Austausch von Geld und Ware hatte ich das Gefühl, dass wir beide sehr glücklich mit dem Handel waren.

 

Wieder zu Hause machte ich mich daran, das Alter des Schildes genauer zu bestimmen und konnte Folgendes recherchieren: Ab Mitte der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts wurden die Stadtteil-Bezeichnungen in Leipzig durch einen Gebiets-Code der Postämter ersetzt. Dieser bestand aus einem Buchstaben (C für Centrum, N für Nord, O für Ost, S für Süd und W für West) sowie einer ein- oder zweistelligen Zahl. Aus »Leipzig-Lindenau« wurde 1926 – also im Geburtsjahr von Elisabeth II. – »Leipzig W 33« (der Buchstabe wurde später für überflüssig befunden und gestrichen). Am 1. Januar 1965 wurde dieser Gebiets-Code schließlich von Postleitzahlen abgelöst und Lindenau hatte fortan bis zur Wiedervereinigung die 7033.

 

Postleitzahl, Schriftbild und allgemeiner Zustand sprachen bei meinem Fundstück für einen Zeitraum zwischen 1965 und 1975 – was ich aber von Anfang an am auffälligsten an dem Schild fand, war das Fehlen einer Telefonnummer. Was einige (jüngere) Leser vielleicht nicht wissen: Private Telefonanschlüsse waren in der DDR die absolute Ausnahme. 1970 verfügten lediglich vier Prozent aller Privathaushalte über einen Telefonanschluss und bis zur Wende änderte sich daran auch kaum etwas. Zum Vergleich: In der alten Bundesrepublik hatten zur gleichen Zeit etwa neunzig Prozent der Bevölkerung ein Telefon. Es mangelte im Arbeiter-und-Bauern-Staat an Kupfer für die Leitungen und an moderner Technik, die Fernmeldeanlagen stammten meist aus der Zeit, als die englische Königin noch zur Schule ging. Nur Regierung, Armee, Polizei und MfS sowie die Deutsche Reichsbahn und einige Industriekombinate besaßen Sonder-Telefonnetze. Ohne Dringlichkeitsbescheinigung eines Betriebes oder einer Institution hatte man de facto keine Chance auf einen Telefonanschluss.

 

Der Leipziger Folksänger und Szene-Chronist Wolfgang Leyn schreibt in seinem Buch Volkes Lied und Vater Staat über den Mangel an Fernsprechern: »Aus diesem Grund wurden in der Folkszene Verabredungen zu Auftritten oder Proben häufig per Postkarte für zehn Pfennig Porto getroffen. In dringenden Fällen schickte man ein Telegramm. Bands mit ›Profi-Pappe‹ (Anm. d. Verf: staatliche Auftritts- bzw. Spielerlaubnis der DDR) kümmerten sich normalerweise als Erstes um eine Dringlichkeitsbescheinigung fürs Telefon.«

 

Offensichtlich verfügte Rolf Steche nicht über eine solche Bescheinigung und deswegen auch nicht über ein Telefon. Jetzt fragt man sich natürlich: Wie wurde Herr Steche beim Ertönen des Klingelzeichens benachrichtigt? Da neben der Adresse nur die Postleitzahl auf der Hinweistafel vermerkt ist, bleibt wohl nur eine Möglichkeit: per Post. Steches Kollegen werden also, während der Klingelton unablässig ertönte, einen Brief verfasst haben, ihn zum Postkasten an der Ecke gebracht und wieder zurück im Betrieb sehnsüchtig auf Antwort gewartet haben.

 

In Wirklichkeit lief so ein Notfall wahrscheinlich doch etwas anders ab – wahr ist aber, dass ein unscheinbares, fast vergessenes Stück Blech eine Geschichte zu erzählen hat. In Zukunft weiß ich alte Leipziger Adressen, ob auf Schildern oder Briefen, zeitlich besser einzuordnen – und in meiner Küche hängt jetzt ein leicht angerostetes Blechschild, das zu betrachten mir jeden Tag eine kleine Freude bereitet.

 

(PS: Falls jemand mehr über Rolf Steche oder seinen namenlosen Betrieb weiß – für sachdienliche Hinweise bin ich dankbar!)

 

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