Bierflaschen, Tanzmarathons und die Regionalliga
»Wie wird man eigentlich Stadionsprecher?«
Dieser Satz ist bei mir auf Platz 2 der Fragen, die mir am häufigsten in meinem Leben gestellt wurden (auf Platz 1 ist: »Wo ist das rote Sakko?« – aber darüber schreibe ich vielleicht ein anderes Mal). Da ich in diesem Jahr mein 15-jähriges Jubiläum als Stadionsprecher von RB Leipzig feiere, möchte ich einmal genauer auf die Beantwortung dieser Frage eingehen.
Vielleicht so viel vorweg: Als ich am 29. Juli 2011 gegen 20 Uhr zum ersten Mal in der Red Bull Arena das Mikrofon in die Hand nahm, war mir nicht ansatzweise bewusst, wie sehr sich mein Leben danach verändern würde.
Aber der Reihe nach. Ich bin im Mai 2002 nach Leipzig gezogen, weil sich für mich damals die Gelegenheit ergab, bei der Programmgestaltung eines sehr kleinen und charmanten Clubs in Connewitz mitzuwirken, dem Tanzcafés Ilses Erika, welches noch heute existiert. Da sich über dem Kellerclub ein Programmkino befindet, mussten wir mit dem Beginn der Konzerte und Partys warten, bis der letzte Film zu Ende war, in den meisten Fällen bis nach Mitternacht. Dementsprechend kamen die Leute nicht vor halb eins in der Nacht und ich ging meistens nicht vor 6 Uhr morgens ins Bett. In meinen ersten acht Jahren in Leipzig sah ich, besonders im Winter, nur selten die Sonne über der Heldenstadt. Ich arbeitete als was auch immer ich am jeweiligen Abend gebraucht wurde. In der Nacht stand ich als Discjockey oder Moderator auf der Bühne, um am nächsten Tag kaputte Bierflaschen zusammenzufegen oder die Toiletten zu wischen. Tagsüber war ich Einkäufer, Texter, Grafiker, Handwerker oder Plakatkleber, am Abend Eventmanager, Kassierer, Tontechniker oder Türsteher. Als Lohn gab es 6,- Euro die Stunde und Freibier. Wenn viele Leute zu meinen Veranstaltungen kamen, gab es ein bisschen was extra. Am Ende eines perfekten Monats hatte ich 800,- Euro in der Tasche, manchmal sogar 1.000,-. Zeitraubende Gedanken über Urlaubsreisen, ein eigenes Auto oder Geldanlagen musste ich mir somit nicht machen. Aber die Mieten waren niedrig und ich konnte jede noch so absurde Veranstaltungsidee durchziehen und mich auf der Bühne in alle Richtungen ausprobieren. Es war nicht immer einfach, dafür spannend, wild, sehr lustig und schön.
Mit den Jahren fingen weitere Clubs an, mich zu buchen, erst als DJ, später immer häufiger als Moderator. Irgendwann hatte ich gefühlt mindestens einmal auf jeder Bühne der Stadt gestanden. Ich moderierte alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war: Quiz- & Late-Night-Shows, Musikfestivals, Comedyabende, Armdrücken-Contests, Tanzmarathons, Modenschauen, Boxkämpfe, Liedermacher-Wettbewerbe, Scharfe-Currywurst-Wettessen. 2010 wurde dann das lokale Fernsehen auf mich aufmerksam und ich stand für diverse Talkformate und Call-in-Sendungen vor den Kameras von Leipzig Fernsehen und Sachsen TV.
Aber deswegen fragt mich heute niemand auf der Straße nach einem Foto. Tatsächlich hat das Bedürfnis nach so einer Aufnahme seinen Ursprung in einem Auftritt am 21. Juni 2011. An diesem Abend moderierte ich Riskier dein Bier!, meine eigene kleine Live-Quizshow. Keine zehn Sekunden nach der Abmoderation sprang ein Mann auf die Bühne, der mir unvermittelt und mit breitem österreichischen Dialekt (den ich als an der Grenze der Verständlichkeit verorten würde) etwas von einem neuen Fußballverein erzählte. Ob ich mir denn vorstellen könne, dort als Stadionsprecher zu agieren, ich sei genau der Typ, den sie suchten etc. Ja, konnte ich mir vorstellen, also hatte ich drei Wochen später, am 12. Juli, einen Termin in der Geschäftsstelle von RB Leipzig. Der damalige Marketing-Chef begrüßte mich mit den Worten: »Ich sag’s dir gleich, ich kenne dich nicht, ich war bei deinem Auftritt nicht dabei und ich hatte einen anderen Wunschkandidaten. Aber vier meiner Mitarbeiter waren bei deiner Show und alle sagen, du bist der Richtige für den Job. Also lass uns das jetzt machen!«
17 Tage nach diesem Gespräch stand ich vor 31.212 Zuschauern im größten Stadion Ostdeutschlands beim Pokalspiel zwischen RB Leipzig gegen den VfL Wolfsburg. Um es kurz zu machen, das Spiel lief sportlich hervorragend (wir konnten als Regionalliga-Club den Bundesligisten mit 3:2 schlagen), aber aus Moderatorensicht war es ein ausbaufähiger Tag.
Zum Glück liefen die nächsten Spiele runder, denn so langsam verstand ich, was ein Stadionsprecher überhaupt macht. Da wir im Regionalliga-Alltag weitgehend unter dem Radar der großen Öffentlichkeit liefen, konnte ich auch hier viel ausprobieren und dazulernen. 2013 feierten wir den Aufstieg in die 3. Liga, dann kamen 2. Bundesliga, Bundesliga und Champions League. Ich durfte viermal mein Team im Berliner Olympiastadion ansagen, zweimal gingen wir dort als DFB-Pokalsieger vom Platz. 2024 wurde die Liste mit einem Job als Sprecher bei der Fußball-Europameisterschaft komplettiert.
Eine Karriere als Stadionsprecher kann man sicher nicht planen. Glück und Zufall spielen dabei eine zu große Rolle. Aber wenn mich ein junger Mensch heute fragt, wie man Moderator wird, dann sage ich: Warte nicht darauf, dass dich jemand anruft, denn das wird nicht passieren. Ergreife selbst die Initiative, stelle eigene Veranstaltungen auf die Beine, sammle so viel Erfahrung wie möglich. Es gibt nur eine Person, die dich zu einem Moderator machen kann – und das bist du selbst.