Der Aufhocker

 

von Tim Thoelke

          1
 

Von einem Wald erzählt man sich,
Voll kranker Tiere, fürchterlich,
Mit schwarzen Bäumen, grenzenlos,
Und spitzen Pilzen, giftig, groß.

Es heißt, nichts sei dort je geborn,
Das Leben ging' dort nur verlorn,
So sei, wer nachts ebenda reist,
In Gefahr – nichts ahnend meist.

Die Leute schwörn, in diesem Hain
Hockt etwas, so alt wie Stein,
Ein Wesen, boshaft, grässlich, kalt,
Doch niemand kennt seine Gestalt.

Der böse Geist ist listenreich,
Zwerg und riesenhaft zugleich,
Mit dunklem Blick streift er umher
Und sucht den späten Wanderer.

Befällt ihn schließlich gnadenlos,
Kommt über ihn, lässt nicht mehr los,
An wen auch immer er sich krallt
Vergeht in dem verfluchten Wald.

Der Name dieser Kreatur
Wird geflüstert heimlich nur,
Verstohlen hinter hohler Hand,
Der Aufhocker! – wird er genannt.

 

 

          2
 

Bevor des Sommers Klang verstummt,
Erbricht er sich noch warm und bunt
Übers Land und in den Wald,
Und jeder weiß, er endet bald.

Und als sein letzter Tag verrinnt,
Läuft zwischen Feldern froh ein Kind,
Es denkt ans liebe Mütterlein,
Es wollte längst schon bei ihm sein.

Der Fratz erschrickt, als auf dem Weg
Ein kleiner Hirsch im Zwielicht steht,
Das Jungtier lächelt seltsam schief,
Die Augen unergründlich tief.

»Bitte hilf!«, kommt's aus ihm raus.
»Ich bin verirrt, bring mich nach Haus.
Den Weg zurück, ich find ihn nicht,
Zur Buchenlichte führe mich.«

Das arme Kind nun mit sich ringt,
Im Kopf der Mutter Stimme klingt.
Es darf nicht in den Wald hinein,
Doch soll's auch stets barmherzig sein.

Das Hirschkalb steht fast engelsgleich,
Es ist so schön, sein Fell so weich,
Ganz wie das Herz des Kindes hier,
Drum sagt es: »Gut, ich helfe dir.«

Sodann geht's zwischen Tannen dicht,
Das Tier trabt hinterher und spricht
Hell ins hölzern Labyrinth:
»Wie heißt du denn, mein liebes Kind?«

»Rosa«, meint das Mädel leis.
»Ist nicht mehr weit, soweit ich weiß.«
Das junge Wild lacht sonderbar:
»Ich wollt, wir wären jetzt schon da.«

Doch Mut und Müh, sie helfen nicht,
Alsbald vergeht das Tageslicht,
Und Schritt für Schritt gehn sie zu zweit
Den falschen Weg und viel zu weit.

Die kleine Rosa, herzensgut,
Merkt es nicht, bleibt wohlgemut,
Die spitzen Pilze, giftig, groß,
Sieht sie nicht, im dunklen Moos.

 

 

          3


Das Mondlicht streicht übers Geäst
Und hält sich an den Zweigen fest,
Doch seine Finger reichen kaum
Bis an des schmalen Weges Saum.

So bleibt verborgen, was dort liegt,
Ein Fuchs, vom Fieber schon besiegt,
Ein Igel, hungrig, todgeweiht,
Ein Vogel, seines Lebens leid.

Es scheint kein Baum, kein Ast normal
In diesem finstren Blättersaal,
Es knurrt und stöhnt quer durch den Wald,
Die Luft ist modrig, klamm und alt.

So schwindet schnell die Zuversicht,
Klein Rosa dünkt, hier stimmt was nicht,
Das Grauen vollends sie durchzieht,
Als sie auf den Gefährten sieht.

Der Hirsch ist nicht mehr engelsgleich,
Stattdessen irr und totenbleich,
Das stumpfe Fell bedeckt mit Schorf
Riecht nach Schlick und altem Torf.

Des Tieres Zähne morsch und faul,
Blutig kommt's ihm aus dem Maul,
Röchelt, keucht, hat Atemnot,
Bricht zusammen und ist tot.

Und kurz darauf, wie fürchterlich,
Ein totes Auge öffnet sich,
Der weiße Apfel, er bricht auf,
Da windet sich ein Frosch heraus.

Ledrig, dunkelgrün und kalt,
Kriecht er aus dem toten Kalb,
Krabbelt vorwärts, strebt im Nu
Auf die kleine Rosa zu.

Das arme Kind kann sich nicht rührn
Vor Schreck wed' Arm noch Beine führn,
Mit Abscheu sieht sie das Getier
Steigt allmählich hoch an ihr.

Auf Rosas Rücken sich's bewegt,
Dann feucht es um den Hals sich legt,
Ihr wird noch kälter als bisher,
Dazu fällt ihr das Atmen schwer.

 

Der Satanslurch nun so verharrt,
Sein Griff brutal, wie Eisen hart,
Hockt huckepack, klebt an ihr dran,
Wird immer schwerer und schwillt an.

Da fällt dem Mädchen etwas ein,
Geflüstert wurd's bei Kerzenschein,
Ein Schrei durchfährt es innerlich:
Der Aufhocker! – Jetzt hat er mich!

 

 

          4
 

Tief im Gehölz, nicht weit vom Sumpf,
Schmatzt der nasse Boden dumpf.
Ein Mädchen stapft durch kalten Schlamm,
Müht sich, doch kommt kaum voran.

An ihm dran, da hängt etwas,
Ein Geschöpf verzehrt von Hass,
Wuchtig, feucht wie ein Sack Lehm,
Der stetig schwerer wird zudem.

Mit glatten Armen fleischig, lang,
Quält der Dämon seinen Fang,
Schiebt den bösen Kopf empor
Und zischt in seines Opfers Ohr:

»Du dummes Kind, jetzt bist du mein,
Liefst treu mit mir in diesen Hain,
Nun siehst du mich so, wie ich bin,
Ich brauch kein Wirtstier mehr hier drin.

Der Hirsch hat seinen Zweck erfüllt,
Sein Antlitz dir den Geist verhüllt,
Ich wusste, als ich dich gesehn,
Ihm kannst du niemals widerstehn.

Einst hing ich auch auf seinem Rücken,
Lustvoll war's, ihn zu erdrücken,
Seine Kraft verging schon bald,
Er starb vor Wochen hier im Wald.

Ob hübsches Ding, ob scheues Tier,
Die toten Hüllen dienen mir,
Ein treues Auge täuscht sich leicht,
Ein gutes Herz ist schnell erweicht.

Erst recht gibt's keinen auf der Welt,
Dem Kinderlachen nicht gefällt«,
Spricht's und drückt noch fester zu.
»Mein neuer Wirt, das bist jetzt du!«

Das Mädchen fällt auf harten Stein,
Es möchte und kann doch nicht schrein,
Ihm wird gewahr, sein Ende naht,
Es nur noch auf Erlösung harrt.

Da schallt es durch des Frosches Reich,
Eine Stimme, Donner gleich,
Zornig, dunkel, eindringlich.
»Aufhocker! – Jetzt hab ich dich!«

 

 

          5

 

An einem Ort, der Unheil bringt,
Der jedes Leben niederringt,
Steht zwischen totem schwarzen Holz
Der Wälder König, groß und stolz.

Ein Zwanzigender, kapital,
Erscheint im üblen Areal,
Erblickt vor sich im Geisterwald
Ein Bild von Elend und Gewalt.

Ein Mädchen, das am Wege kniet,
Es eine Last nach unten zieht,
Ein Teufelstier, schlimm deformiert,
Ist rücklings an dem Kind fixiert.

Das Rotwild hebt die Stimme an:
»Höllenfrosch! Kalter Tyrann!
Heut kriegst du den gerechten Lohn
Für den Mord an meinem Sohn!«

Sodann es sanft zum Kinde spricht:
»Es liegt in meinen Mächten nicht,
Von diesem Biest dich zu entzwein,
Doch selbst kannst du dich wohl befrein.

Ein Mittel, das den Spuk bezwingt,
Ist, wenn ein Mensch ergeben singt
Und dabei fest an jemand denkt,
Dem er all seine Liebe schenkt.«

Die Rede Rosa Hoffnung gibt,
Sie weiß, wen sie von Herzen liebt,
Es ist das gute Mütterlein,
Und auch ein Lied fällt ihr gleich ein.

Sein Klang half in den Schlaf ihr oft,
Auf Hilfe sie nun wieder hofft,
So singt sie los mit kleiner Kraft,
Leise und ganz zauberhaft.

Mein Kind, es ist nun Zeit fürs Bett,
Und fang nicht an zu plagen,
Der Mond mehr Grund zum Jammern hätt,
Doch ihn hörst du nicht klagen.

Der Mond muss, wenn der Tag anbricht,
Dem Glanze ganz entsagen,
Geraubt wird ihm das Angesicht,
Doch ihn hörst du nicht klagen.

 

Der Mond kann niemals mit dir spieln,

Nicht rennen, springen, jagen,
Nicht mit Pfeil und Bogen zieln,
Doch ihn hörst du nicht klagen.

Und in der Nacht ist er so nett,
Da musst du gar nicht fragen,
Wacht über dich in deinem Bett,
Und du hörst ihn nicht klagen.


So liebevoll ist der Gesang,
So fein der Kinderstimme Klang,
Doch wie ein Schlag trifft jeder Ton
Des Teufels feuchte Mutation.

Erst wimmert es, das plumpe Tier,
Dann kreischt's wie unter Folter schier,
Als würde Gift ihm eingeflößt,
Bis es sich dann vom Rücken löst.

Sogleich, als es vom Kind getrennt,
Ein schonungsloser Kampf entbrennt,
Der Hirsch stürzt auf den Froschgigant,
Doch der weicht aus und springt ihn an.

Er hängt dem Wild am Schulterblatt,
Mit aller Kraft wirft es ihn ab,
Dann stößt final mit einem Schrei
Ins Lurchenfleisch das Hirschgeweih.

Zerschlagen nun der Bestie Knochen,
Bauch und Kehle aufgebrochen,
Schwarzes Blut tritt draus hervor,
Gierig trinkt's das alte Moor.

Der Rothirsch röhrt tief aus dem Bauch,
Gen Himmel geht sein Atemhauch
Dem toten Sohne hinterher –
Der Aufhocker! – Er ist nicht mehr.

 

 

           6

Der Herbst kriecht klamm ins Morgengrau,
Lautlos fällt der klare Tau
Aus der jungen Luft heraus
Auf ein schönes kleines Haus.

Geschlafen wurd' in ihm heut nicht,
Im Fenster brennt ein Kerzenlicht,
Davor ein Hirsch, vom Lauf erhitzt,
Fürwahr – auf ihm ein Mädchen sitzt.

»Das ist es!«, ruft bewegt der Spross
Und springt sogleich von dem Koloss.
»Mein lieber Freund, für alle Zeit
Schuld ich dir Dank für dein Geleit.«

Kaum gesagt, fliegt auf die Tür,
Ein Freudenschrei über Gebühr,
Die helle Stimme hörbar bebt:
»Rosa! Gott sei Dank, du lebst!«

Die Kleine unter Tränen nickt.
»Mutti!«, haucht sie halb erstickt,
Dann läuft sie los, so schnell sie kann,
Und stürmt in Mutters Arm voran.

Der Rote aber dreht sich um,
Geht zum Forst, bedächtig, stumm,
Dem Kind kann nun nichts mehr geschehn,
Doch seins wird er nie wieder sehn.

 

 

          7
 

Von einem Wald erzählt man sich,
Voll kranker Tiere, fürchterlich,
Von schwarzen Bäumen, grenzenlos,
Und spitzen Pilzen, giftig, groß.

Und tief in dem verfluchten Hain
Hockt etwas, so alt wie Stein,
Ein Wesen, boshaft, widerlich,
Und leckt die tiefen Wunden sich.

Es tat ihm kürzlich jemand weh,
Drum ist es böser nun denn je,
Und mehr als sonst ist wer da reist,
In Gefahr – nichts ahnend meist.

Der Name dieser Kreatur
Wird geflüstert heimlich nur,
Verstohlen hinter hohler Hand,
Der Aufhocker! – wird er genannt.

 

 

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