Tim Thoelke über

Lagerfeuer, Hautfarben und Dummheit

 

 

Kürzlich wurde ich gebeten, vor jungen Menschen eine Rede zum Thema Rassismus zu halten, und da ich glaube, dass uns dieses wichtige Thema leider nicht nur über die nächste Generation, sondern über viele weitere begleiten wird, sagte ich zu. Ich bin der Überzeugung, dass man, um das Problem richtig zu verstehen, unbedingt einen Blick in die Geschichte werfen sollte, weswegen ich meinen Vortrag, wie auch diese Kolumne, mit einem kurzen chronologischen Abriss der Ereignisse beginnen möchte:

 

Vor 200.000 Jahren zogen Menschen durch Europa, die mit ihren Familien und Freunden in Fellhütten wohnten und nie sehr lange an einem Ort blieben. Sie stellten Werkzeuge aus Stein und Holz her, wobei sie auf verschiedenste Techniken wie Schleifen, Schaben und Polieren zurückgreifen konnten, aber auch eigens hergestellten Klebstoff einsetzten. Sie erfreuten sich daran, selbst gemachten Schmuck zu tragen und kleine Kunstgegenstände zu schaffen – für sich oder ihre Hinterbliebenen, denn sie glaubten fest an ein Leben nach dem Tod. Nach erfolgreicher Großwildjagd saßen sie gemeinsam am wärmenden Lagerfeuer und tauschten ihre Erfahrungen über das Geschehen am Tag aus. Dabei planten sie sorgfältig die nächste Jagd, verabredeten das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Jägern und berieten über bestmögliche Tarnungen. Die gelungensten Jagdszenen hielten sie in schwarz-rot gestalteten Höhlenmalereien für die Nachwelt fest und signierten sie mit ihren Handabdrücken.

 

Doch diese Menschen waren keine Vorfahren von uns, sondern entstammten einem verwandten, aber anderen Zweig der Menschenfamilie. Sie waren eine andere Rasse (wissenschaftlich präziser: Art), die heute von uns Neandertaler genannt wird.

 

Die Vertreter unserer Rasse, die des Homo sapiens, stammen ALLE ausnahmslos von einem ziemlich kleinen Kreis von Afrikanern ab und machten sich erst über 150.000 Jahre später auf den Weg nach Europa. Dass »unser« Kontinent zu diesem Zeitpunkt also bereits von anderen Menschen besiedelt war, scheint bei so manchem Blut-und-Boden-Fan und Katze-im-Fischladen-Schlaumeier noch nicht angekommen zu sein, aber das nur am Rande.

 

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, sehr verehrte Leserinnen und Leser, aber ich hätte liebend gerne mal einen Vertreter einer anderen Menschenrasse kennengelernt. Einen Neandertaler oder einen Homo erectus zum Beispiel. Unsere Vorfahren haben diese anderen Arten regelmäßig getroffen, in einer Zeit, als diverse menschliche Populationen parallel nebeneinander existierten. Es ist sogar nachgewiesen, dass diese Gruppen sich zum Teil anziehend fanden, daher stammt auch ein kleiner Teil unseres Erbguts vom Neandertaler.

 

Doch diese Form des Aufeinandertreffens gibt es nicht mehr, denn alle anderen Menschenarten bzw. -rassen sind heute ausgestorben. Nur eine einzige hat überlebt: wir, der Homo sapiens. Und dabei ist es völlig egal, ob wir oder unsere Eltern, Großeltern oder Ur-Ahnen aus Deutschland, Norwegen, Syrien, Ghana, Indien oder Australien kommen: Wir gehören alle derselben Rasse an.

 

Oberflächliche optische Unterschiede wie Haar- und Hautfarbe beim Homo sapiens können vom Körper innerhalb relativ kurzer Zeit verändert werden, auch auf Dauer. Sie machen evolutionär und genetisch gesehen kaum einen Unterschied zwischen zwei Menschen aus. Viel zu wenig auf jeden Fall, um von einer anderen Rasse oder Art zu sprechen. Augenfällige Unterscheidungsmerkmale werden generell von nur sehr wenigen Genen verursacht, und die genetische Vielfalt ist innerhalb von Gruppen mit ähnlichen Körpermerkmalen sogar oft größer als gegenüber Menschen, die wir auf den ersten Blick einer anderen Ethnie zuordnen würden.

 

Diese Erkenntnisse widerlegen das obsolete Konzept biologischer Rassen innerhalb unserer Art und damit jede Form von Rassentheorie. Das gesamte Konzept des Rassismus ist somit nicht nur bösartig und gesellschaftlich untragbar, sondern auch faktisch Blödsinn – kurz: Rassismus ist einfach dumm.

 

Mit diesem Satz beendete ich meine anfangs erwähnte Rede. Erlauben Sie mir hier noch folgende Zusatzbemerkung: Dass Migration eben doch sehr erfolgreich verlaufen kann, haben wir als Homo sapiens bewiesen. Schließlich sind wir immer noch da und wir sind mehr denn je. Das Bewusstsein über diese Tatsache hilft vielleicht bei der wichtigen und unbedingt notwendigen Diskussion über eine sinnvolle Regelung von Migration in der Jetztzeit – eine Diskussion, die meiner Meinung nach viel zu oft mit Schaum vorm Mund und von einigen leider auch mit einem Unterton von Rassismus geführt wird. Auch unsere Vorfahren haben einst eine neue Heimat in Europa gesucht und gefunden. Wann immer wir also diesbezüglich über andere Menschen, von wo auch immer auf diesem Planeten, reden, sollten wir entsprechend respektvoll unser Vokabular wählen.

 

 

 

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