Abiturreden, Wandfarbe und Berufsanfänger
Vor einigen Monaten bekam ich von einem Gymnasium ganz in der Nähe die Anfrage, ob ich die Festrede zur diesjährigen Verleihung der Abiturzeugnisse halten könnte. Natürlich konnte ich, auch wenn mir im ersten Augenblick nicht zu hundert Prozent klar war, wie meine Erfahrungen in puncto Ausbildung und Beruf hilfreich für die jungen Erwachsenen sein könnten – basieren diese bei mir doch zahlreich auf dem Prinzip Zufall.
Die Unvorhersehbarkeit (und Holprigkeit) meines beruflichen Werdegangs fing tatsächlich schon bei meiner eigenen Abiturzeugnisübergabe vor über dreißig Jahren an. Nachdem die meisten meiner Mitschüler ihr Zeugnis schon bekommen hatten, inklusive förmlichem Lächeln, Kopfnicken und Händedruck (bei den liebsten Schülern sogar mit einem ungelenken Schulterklopfen), war ich an der Reihe. Der Schulleiter rief meinen Namen auf und ich trottete pflichtbewusst auf die kleine Bühne unserer Aula. Doch statt meines Zeugnisses schnappte sich der Rektor das Mikrofon und verkündetet vor versammeltem Publikum: „Wie sich herausgestellt hat, können wir Tim sein Abitur leider nicht geben … er bekommt es erst, wenn er das ausgeliehene Buch in die Schulbibliothek zurückgebracht hat!“
Sein ernster, nein, passiv-aggressiver Unterton ließ keinen Zweifel daran, dass dies kein Scherz war. Und tatsächlich bekam ich erst einige Tage später, nach einem Umweg über die Bücherei, mein Zeugnis überreicht: im Vorzimmer des Rektors durch die Sekretärin der Schulleitung – ohne Lächeln, Kopfnicken, Händedruck (oder gar Schulterklopfen).
Ich habe bis heute nicht so ganz verstanden, warum man die Sache mit dem Buch nicht schon im Vorfeld der Zeugnisübergabe mit mir geklärt hat, aber nun gut, es waren andere Zeiten, und im Rückblick würde ich sagen, dass die Schüler damals von vielen Lehrern generell nur selten als Mitspieler des eigenen Teams gesehen wurden, stattdessen fast immer als Gegner. Wenn man mir damals allerdings gesagt hätte, dass ich 34 Jahre später mal als Ehrengast die Rede bei einer Abiturverleihung halten würde, hätte mich das sicher erstaunt.
Da ich mich nun, wie gesagt, für nicht wirklich geeignet halte, sinnvolle Tipps zu den Themen Studium (abgebrochen), Ausbildung (nur Führerschein), Bewerbung (nie geschrieben) oder fester Arbeitsvertrag (nie abgeschlossen) zu geben, habe ich mich bei meiner Rede eher auf allgemeine Lebenserfahrungen konzentriert.
So habe ich die jungen Menschen zwanzig Minuten lang über die wichtigsten Fakten zu Wandfarbe, Alkohol, Unterhemden, Mallorcaschlagern, Reisen und Füßewaschen aufgeklärt, ihnen aber auch zumindest einen handfesten Tipp für ihren kommenden Start ins Berufsleben mitgegeben, und der lautete: Seid nicht zu gierig.
Dazu habe ich ein Beispiel genannt: Ein Freund hat in einer Firma als Abteilungsleiter gearbeitet und wollte einen neuen Mitarbeiter einstellen. Nach einem guten Vorstellungsgespräch mit einem jungen Bewerber fragte er diesen nach seinen Gehaltsvorstellungen. Der junge Mann antwortete, er wolle 3.000 Euro haben. Daraufhin sagte der Ältere: „Du hast ein tolles Zeugnis und ich möchte dich wirklich gerne bei uns in der Firma haben, deswegen biete ich dir sogar 3.500 Euro an.“ Da war sein Gegenüber natürlich begeistert, es gab einen Handschlag und kurz darauf fing der Neue an, in der Firma zu arbeiten. Alles lief prima, doch nach einiger Zeit fand der pfiffige Berufsanfänger heraus, dass die Person neben ihm im Büro, die genau die gleiche Arbeit erledigte wie er, erstaunlicherweise 4.000 Euro Gehalt bekam, also 500 Euro mehr als er selbst. Empört ging der neue Mitarbeiter also zurück ins Zimmer des Abteilungsleiters und erzählte ihm von seiner Entdeckung – natürlich nicht, ohne den gleichen Aufschlag zu verlangen. Daraufhin erinnerte dieser ihn, dass er doch noch vor ein paar Tagen nur 3.000 Euro haben wollte und ganz entzückt über die 500 mehr war, die ihm der Chef von sich aus angeboten hatte. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Die beiden wurden sich nicht einig und der junge Angestellte verließ die Firma nach kurzer Zeit wieder.
Als Fazit dieser Geschichte habe ich den Abiturientinnen und Abiturienten noch Folgendes an die Hand gegeben: „Wir wissen nicht, warum der Kollege 500 Euro mehr bekommen hat als unser Beispielmitarbeiter. Vielleicht hat er bessere Qualifikationen, vielleicht verhandelt er besser oder er ist der Sohn vom Chef – egal! Wir wissen nur eine Sache mit Sicherheit: Der junge Berufsanfänger ist nach dieser Episode immer noch Berufsanfänger. Und bringt es ihn am Ende wirklich weiter, wenn er bei seinem nächsten Job zwar nur drei Mille bekommt, dafür aber die Gewissheit hat, dass bei dem Genossen nebenan die exakt gleiche Summe in der Lohntüte steckt?
Jede Person, die in Lohn und Brot steht oder stand, wird euch bestätigen: Berufserfahrung ist ALLES. Sammelt erst einmal etwas davon, am besten so viel wie möglich! Das Geld kommt dann ganz von alleine. Oder halt nie.“
Tatsächlich hat mich genau diese Strategie dahin gebracht, wo ich jetzt bin (und wo ich sehr gerne bin). Erfahrungen sammeln und dann den nächsten Schritt machen. Immer wieder. Merkwürdig nur, dass man ein halbes Leben braucht, um das herauszufinden.