Tim Thoelke über

Witzeschreiber, lachende Pferde und Genusshappen

 

 

Ich habe das große Privileg, einige der witzigsten Menschen, die ich je kennengelernt habe, zu meinem Freundeskreis zu zählen. Viele dieser Freunde sind sogar professionell komisch, arbeiten als Comedians, spaßige Liedermacher, ulkige Autoren oder Witzeschreiber (ja, diesen Beruf gibt es wirklich – ohne ihn würde es Late-Night-TV-Shows wohl nicht geben). Auch wenn der Kontakt mit derlei Personen mit viel Freude verbunden ist, hat er leider eine beklagenswerte Schattenseite: Aufgrund meiner humoresken Verwöhntheit fällt mir immer besonders negativ auf, wie viele unlustige Menschen es gibt, die sich – und das ist das eigentliche Problem – unerklärlicherweise für ziemlich lustig halten. Aber sie sind es einfach nicht.

 

Ich rede von den Typen, die einem in der Kneipe mit hochgezogenen Augenbrauen und einem Glas in der Hand „Prostataaa!“ zurufen. Die Witzbolde, die, wenn sie einen versehentlich anrempeln, blöd grinsend sagen: „Entschuldigung, war Absicht!“ Diejenigen, die mit sich mit einem „Ich muss mal für kleine Königstiger“ bereits vor dem Toilettengang verbal entleeren und dann ihrem Kumpel mit einem flotten „Ladies first“ die Tür aufhalten.

 

An all diese Menschen da draußen habe ich einen sehr gut gemeinten Rat: Bitte benutzen Sie NIE WIEDER in Ihrem Leben folgende Sprüche:

  • Stück mal n Rück

  • Zum Bleistift

  • Märchensteuer

  • Das Leben ist kein Ponyhof

  • Hallöchen, Popöchen

  • Nicht schlecht, Herr Specht

  • Lieber arm dran als Bein ab

  • Augen auf bei der Berufswahl

  • Herzlichen Glühstrumpf

  • Aus Spaß wurde Ernst, Ernst ist jetzt drei Jahre alt

 

Und nein, die Sprüche sind nicht so witzig, weil sie so doof sind. Und noch mal nein, die Sprüche sind auch keine Running Gags.

 

Übrigens, Sie können auf solche Bonmots selbstverständlich mit „Hast du heute ’nen Clown gefrühstückt?“ reagieren – unpeinlich ist das aber nur, wenn man sechs Jahre alt ist. Oder jünger.

 

Leider muss ich feststellen, dass man heute von dieser Art Anti-Komik immer häufiger auch digital belästigt wird. Es melden sich Blödmänner, die einem dusselige Bilder mit bemerkenswert unlustigen (und gerne ein bisschen sexistischen) Lebensweisheiten und Wortwitzen schicken, meist amateurhaft in Kita-Schrift auf einen pastellfarbenen Hintergrund geschustert. Unnötig zu erwähnen, dass bei derartigen humoresken Unfällen weder die willkürlich angefügten Illustrationen (schielende Vögel, lachende Pferde) noch die unzähligen vor Lachen weinenden Emojis im Beitext in puncto Komik einen Mehrwert bilden.

 

 

 

Eine Sache noch: Die ZDF-Sendung Wünsch Dir was wurde 1972 abgesetzt (die gleichnamige Sendung im Fernsehen der DDR gab es noch bis 1975). Falls die Formulierung „Wir sind hier nicht bei Wünsch Dir was“ jemals witzig gewesen sein sollte, fing sie etwa in dem Jahr an, borniert und abgedroschen zu klingen, als Udo Jürgens’ Griechischer Wein das erste Mal im Radio lief.

 

Abgesehen von der erstaunlichen Langlebigkeit dieses Spielshow-Titels finde ich übrigens auch das aus heutiger Sicht ziemlich unglaubliche „interaktive“ Abstimmungsszenario der ZDF-Sendung, die insgesamt nur drei Jahre existierte, erwähnenswert. Der Sieger der Samstagabend-Show wurde nämlich durch die Fernsehzuschauer eines bestimmten Ortes bestimmt, und zwar, indem diese ihre möglichst energiefressenden Elektrogeräte einschalteten oder wiederholt und ohne Not(durft) die Toilettenspülung betätigten. Die lokalen Wasser- bzw. Elektrizitätswerke konnten dann live den (sinnlosen) Mehrverbrauch des Fernsehpublikums messen und so ermittelten, für welche Kandidatenfamilie das Herz der Zuschauer bzw. der Verbraucher schlug. Oder wie die Fridays-for-Future-Generation sagen würde: Opa, wir müssen reden.

 

Zurück zum Thema Alltagssprüche: So sehr ich sie in oben genannten Fällen ablehne, so sehr mag ich sie im Bereich Kulinarik. Weil sie dort eben nicht versuchen lustig zu sein, sondern entweder als ritualisierte Überschrift für den nächsten Genusshappen oder einfach als Ausrede zum Weiterschlemmen dienen.

 

„Fett ist ein Geschmacksträger“ – „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ – „Fisch muss schwimmen“ – „Käse schließt den Magen“ – „Der Mensch muss essen“. Diese Aphorismen sind gemütliche, einladende und kleine Kaloriensünden relativierende Alternativen zu „Guten Appetit“ bzw. „Prost“ und somit nicht nur erlaubt, sondern regelrecht erwünscht!

 

In diesem Sinne wünsche ich allen ein genussvolles Weihnachtsessen mit den Liebsten und verabschiede mich aus dem Jahr 2025: frohes Fest und bis zum nächsten Jahr!

 

 

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