Tim Thoelke über

Ostseebesuche, Planeten und das dunkle Nichts

 

 

Falls Sie, liebe Leserin, lieber Leser, in diesem Sommer zufällig das Ostseebad Warnemünde besuchen sollten, dann möchte ich Ihnen einen Spaziergang auf dem sogenannten Planetenweg nahelegen. Tatsächlich würde ich sogar so weit gehen, zu sagen, dass der Planetenweg allein schon einen Besuch dieses (für mich schönsten) Stadtteils der Hansestadt Rostock wert ist.

 

Der ca. sechs Kilometer lange und leicht zu laufende Pfad führt Sie nicht nur von der Strandpromenade in einen schönen lichtdurchfluteten Küstenwald, sondern bietet auch immer wieder überragende Blicke von der Steilküste über die ganze Pracht der Ostsee. Fast noch spektakulärer als die Aussicht ist an dieser Wanderung aber, dass Sie einmal am eigenen Leib erfahren, bzw. erlaufen können, wie absurd groß unser Sonnensystem ist, und wie klein unsere – für einen Menschen im Allgemeinen als riesig empfundene – Erde dagegen ist.

 

Mit dem Warnemünder Planetenweg wurde 1979 nämlich ein maßstabsgetreues Modell der Planeten im Verhältnis von eins zu einer Milliarde geschaffen, inklusive ihrer tatsächlichen Entfernungen voneinander. Konkret bedeutet das, dass ein gegangener Meter des Planetenweges einer ganzen Million zurückgelegter Kilometer im Weltraum entspricht. Das Ganze beginnt zwischen dem Warnemünder Leuchtturm und dem berühmten „Teepott“ mit dem Modell der Sonne, das mit 1,4 Metern Durchmesser natürlich das mit Abstand größte des Projektes ist. Von dort geht es parallel zur Küstenlinie nach Westen von einer Planeten-Schautafel zur nächsten, bis schließlich am Elmenhorster Bach mit dem Zwergplaneten Pluto der Planetenweg endet.

 

Im Gegensatz zu historischen Planetarien oder mechanischen Planetenmaschinen, welche das Planetensystem ja meist auf wenigen Metern oder Zentimetern darstellen, erfährt man auf dem Gang über den Planetenweg, welche Dimensionen unser Sonnensystem in Wirklichkeit hat – zwischen Uranus und Neptun muss man zum Beispiel stattliche 1.648 Meter überwinden. Für mich ist aber am faszinierendsten, dass einem dadurch klar wird, wie unglaublich wenig Masse generell existiert – denn zwischen den Planeten, die auf ihren Schautafeln oft nicht viel größer als eine Sanddornbeere sind, ist in der Realität (also im Weltall) ja eigentlich nur das große Nichts. Und dabei ist unser Sonnensystem im Vergleich zum restlichen Universum schon regelrecht überfüllt mit Himmelskörpern.

 

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, auszurechnen, wie weit entfernt der unserer Sonne nächste Stern (Proxima Centauri) im Maßstab des Warnemünder Modells wäre und bin dabei auf satte 40.177 Kilometer Entfernung vom Leuchtturm gekommen, was so ziemlich unserem Erdumfang entspricht. Wir müssten also von der Ostsee einen Spaziergang um die gesamte Erde machen, um das nächste Sonnensystem zu erreichen – und würden auf diesem Weg auf keine einzige weitere Schautafel eines Planeten treffen.

 

Wenn wir uns jetzt die nächstgrößere Dimension ansehen, also unsere Milchstraße im Gesamten, dann sprengt das Warnemünder Modell bereits unsere Vorstellungskraft. Deswegen müssen wir hierfür einen anderen Vergleich heranziehen. Stellen Sie sich vor, dass unsere Milchstraße ein Schneetreiben wäre, welches einen Durchmesser von 10 Kilometern hat, also auf etwa der Hälfte des Stadtgebietes von Leipzig stattfinden würde. Wenn jede Schneeflocke einen Stern unserer Galaxis darstellt, müssten pro Kubikmeter verschneiter Luft statistisch drei Schneeflocken herumwirbeln. Um dieses Modell maßstabsgetreu zu gestalten, wäre unsere Sonne aber nicht annähernd so groß wie eine Schneeflocke, sondern kleiner als ein Virus. Selbst die Plutobahn, die beim Planetenweg einer Ausdehnung von 12 Kilometern entspräche, wäre in unserem Schneetreiben mit einem Durchmesser von 0,1 Millimetern kaum sichtbar. Die Erde müssten wir sogar in atomaren Größenordnungen suchen.

 

Mit diesem Bild wird die auffällig geringe Massendichte des Raums nicht nur in unserem Sonnensystem vorstellbar, sondern zeigt sich noch viel ausgeprägter innerhalb der Milchstraße. Das Gleiche gilt natürlich auch für unser gesamtes Universum: Von unserem Leipziger Schneegestöber wäre die nächste Galaxie etwa 250 Kilometer entfernt und dazwischen wäre wieder nur ein kaltes dunkles Nichts. Und dieses Nichts ist richtig groß: Es gibt nicht weniger als eine Billion Galaxien – und das nur im beobachtbaren Teil des Universums.

 

Fazit: Die Luft des Zimmers, in dem Sie sich gerade befinden, ist viele Millionen Mal dichter mit Staubpartikeln durchsetzt als das Weltall mit Sternen. Der Kosmos ist zwar unendlich groß, und trotzdem gibt es dort fast nichts zu sehen, er ist praktisch leer. Deswegen sollten Sie unbedingt mal wieder an die Ostsee reisen und einen Spaziergang am Meer machen. Denn wenn wir schon nur eine statistisch zu vernachlässigende Unregelmäßigkeit im Universum sind, dann sollten wir es uns innerhalb dieser wenigstens so schön wie möglich machen.

 

 

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