Tim Thoelke über

Schmiere, Putzschwämme und Fahndungsplakate

 

 

Das Haus, in dem ich als Kind gewohnt habe, hat mein Vater noch in Teilen selbst gebaut. Das war damals auf dem Dorf nicht unüblich, man packte mit an, wann immer es ging, am besten ließ man sich noch von Freunden und Kollegen helfen. Für ein paar Runden Bier abends im Kegelverein war das kein Problem, denn alle wussten, dass sie selbst später bei Bedarf nach Hilfe fragen konnten.

 

Einer dieser Freunde meines Vaters war Eigentümer einer Autowerkstatt, zu der mein Vater häufiger fuhr, als der Wartungszustand seines Autos dies nötig gemacht hätte. Als ich klein war, nahm er mich hin und wieder dorthin mit. Wir fuhren dann zwei Dörfer weiter und hielten vor einem riesigen Schuppen, der so groß war, dass man in seinem Inneren sogar Trecker und LKWs reparieren konnte. Die ganze Werkstatt roch satt nach Diesel und Schmiere, und an den Wänden hingen Kalender, auf denen halb nackte Frauen mit enormen Brüsten Autos wuschen. Fast noch bemerkenswerter aber fand ich, dass dort immer alles so unglaublich dreckig war: der Boden, die Wände, die Klamotten von den Schraubern, deren Hände, die Werkzeuge, ja selbst die Seiten von den Tittenkalendern waren von dieser fettigen schwarzbraunen Dreckschicht überzogen. Schon als Grundschüler dachte ich damals: Wie kann man so leben?

 

Nach dem Werkstattbesuch fuhren wir oft in den Imbiss an der Hauptstraße, wo mein Vater sich noch ein oder zwei Bierchen gönnte. Ich bekam dann eine Mark und durfte flippern. Frauen sah man dort quasi nur hinterm Tresen, wie sie in ihren bunten Kittelschürzen stoisch Currywurst und Pommes frittierten. Die Gäste waren fast ausschließlich Männer, und jeder in der Bude rauchte, als gäbe es kein Morgen. Die jüngeren Zigaretten, die älteren Zigarren. Gegen die schlechte Luft trank man an, es gab Bier mit Hochprozentigem. Kognak oder Korn, je nachdem, ob ob man Lehrer oder Bauer war. Wir Kinder lernten schnell, dass die Lehrer ihre Schüler in ihrer Freizeit nicht mehr kannten und dass die Bauern meist finstere, schlecht gelaunte Gesellen waren. Ich bekam kaum Luft in dem Laden, wusste aber instinktiv, dass das, was ich dort sah, Teil meiner Zukunft war. Eines Tages würde ich selbst dort sitzen und diese rätselhaften, sinnlos wirkenden Gespräche führen und hin und wieder bellend lachen – oder jemandem Schläge anbieten. Zum Glück kam alles anders.

 

Unberührt von dem bunten Treiben in diesem gastronomischen Kleinod befand sich direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite, eine kleine Drogerie. Der Drogist dort trug aus unbekannten Gründen immer einen weißen Kittel, ganz so, als wäre er Chemiker oder zumindest Apotheker, doch in Wirklichkeit war er nur ausgebildet, Seifen und Klopapier zu verkaufen Aber dieser weiße Kittel und sein fast übertrieben würdevoller Gang haben auf uns Landeier Eindruck gemacht. Ich zumindest hatte Respekt vor dem Mann. Im Nachhinein frage ich mich, ob der ungewöhnliche, unverheiratete Mann, der zwischen Parfümflaschen und Putzschwämmen stand wie ein Juwelier zwischen Goldringen und Brillantcolliers, vielleicht einsamer war, als ich damals ahnte. Ich werde es nie erfahren, denn über so etwas sprach man nicht.

 

Mein Vater ging natürlich nie in diesen Laden, aber nicht wegen des Besitzers (obwohl mein Vater vor 70er-Jahre-Männlichkeit regelrecht strotzte, habe ich ihn nie etwas Homophobes oder Frauenfeindliches sagen hören), sondern weil Männer damals generell nicht in Drogerien verkehrten. Solche Sachen kauften die Frauen. Männer waren Kunden von Werkstätten, Kneipen, Tankstellen und Eisenwarenläden – ob sie es wollten oder nicht.

 

Manchmal war ich mit meinem Vater aber bei der Post, schließlich verschickte man ja mehrmals die Woche Briefe und erledigte dort oft auch seine Bankgeschäfte. Doch wenn man von den an kleinen Ketten befestigten Kugelschreibern absieht, interessierten mich an der Post ausschließlich die Furcht einflößenden Terroristen-Fahndungsplakate. Während mein Vater also Geld abhob oder Schecks einreichte, versuchte ich verzweifelt, mir die Gesichter der Gesuchten einzuprägen, und hoffte immer, eines Tages direkt hier in unserem Postamt Brigitte Mohnhaupt oder Christian Klar zu entdecken und dafür fantastische 10.000,- DM einzustreichen. Ärgerlicherweise schienen die verflixten Terroristen jedoch ausgerechnet wenn ich dort war, nie auch nur einen Fuß in die kleine Dorfpost zu setzen. Als Trost für meine vergebliche Suche bekam ich von meinem Vater manchmal ein Eis oder, wenn ich besonders brav war, sogar ein Micky-Maus-Heft.

 

Im Dezember ist mein Vater gestorben. In den letzten 30 Jahren hatten wir nicht mehr wahnsinnig viel miteinander zu tun, erst in den letzten Jahren haben wir uns wieder ein wenig angenähert. Aber da war es irgendwie schon zu spät. Doch ich spüre noch heute dieses wunderbare Gefühl, wenn mein Vater mich als Kind hochgehoben hat, als wäre ich leichter als eine Feder. Und wie er mir dann lachend einen bartstoppeligen Kuss gegeben und mich gedrückt hat. Es wird nie wieder in meinem Leben eine bessere Umarmung geben als diese. Mach’s gut, Dad, und trink ein Bierchen für mich mit da oben.

 

 

 

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