die berühmteste unbekannte Frau Leipzigs
Das Thema meiner heutigen Kolumne knüpft noch einmal kurz an jenes der letzten Ausgabe an, in der ich mich mit der Anziehungs- und Fliehkraft von Jazz beschäftigt habe, vor allem aber geht es in den folgenden Zeilen um die berühmteste unbekannte Frau Leipzigs.
Um dieses scheinbare Paradoxon zu erklären, möchte ich kurz auf den Namen Blue Note eingehen. Damit sind einerseits bestimmte Töne gemeint, die eine Melodie besonders „bluesig“ machen, einen größeren Bekanntheitsgrad über den Kreis von Freunden der pentatonischen Tonleitern hinaus bekam diese Wortkombination allerdings erst durch die gleichnamige Plattenfirma, die man heute wohl als die einflussreichste und angesehenste der Jazzgeschichte bezeichnen kann.
Was viele nicht wissen: Blue Note wird 1939 von zwei Deutschen gegründet, und zwar von Alfred Lion (wohl eigentlich Alfred Löw) und Francis Wolff (eigentlich Frank Wolff), die wegen ihrer jüdischen Abstammung Ende der 30er-Jahre aus Nazideutschland in die USA fliehen müssen. Die beiden Jazz-Enthusiasten machen das Unternehmen in den folgenden Jahrzehnten in puncto Stil, Sound, Künstlerauswahl und Cover-Ästhetik zur unangefochtenen Benchmark beim Thema Schallplattenvermarktung. Besonders in den 1950er- und 1960er-Jahren gibt es im Jazz keinen größeren Namen als Blue Note.
Alfred Lion und Francis Wolff sind Schulfreunde, die gemeinsam in Berlin aufwachsen. Trotzdem dauert es bis 1954, bis sie jemanden aus Europa unter Vertrag nehmen. Dass diese Künstlerpersönlichkeit dann auch noch aus Deutschland kommt, ist in Anbetracht der Geschichte der Label-Chefs sicher bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist aber, dass diese Person eine Frau ist (und zwar keine Sängerin, sondern Instrumentalistin) und dass sie (und jetzt komme ich zum Anfang meine Kolumne) aus Leipzig kommt.
Der Name der leider für viele unbekannten Künstlerin ist Jutta Hipp, aufgewachsen in Connewitz. Mit neun Jahren beginnt sie Klavier zu spielen, entdeckt schließlich den aufregenden Jazz für sich. Als Teenagerin widersetzt sie sich dem Swingverbot der Nazis und verkehrt in dem illegalen Jazzclub Hot Club Leipzig, in dem sie auch auftritt. Nach dem Krieg spielt sie Jazz in amerikanischen Soldaten-Clubs und tourt kurz darauf mit ihrer eigenen Band, dem Jutta Hipp Quintett durch Deutschland, Schweden und Jugoslawien. Auf Initiative des damals führenden britischen Jazzkritikers Leonard Feather erlangt sie schließlich die Aufmerksamkeit der Blue-Note-Macher, und so kommt es aus musikhistorischer Sicht am 24. April 1954 zur Sensation: Sie nimmt mit ihrem Quintett in Frankfurt das Album New Faces – New Sounds From Germany auf, das im Anschluss auf Blue Note veröffentlicht wird (und für das Sammler mittlerweile vierstellige Beträge zahlen). 1956 siedelt sie dann ganz in die USA über und erhält dort als erster Europäer bzw. erste Europäerin (und zweite weiße Musizierende überhaupt) einen festen Vertrag bei Blue Note Records, für das sie im April 1956 zwei Live-Alben und kurz darauf eine LP im legendären Van-Gelder-Studio aufnimmt. Die Musikpresse ist hin und weg, ein langer Karriereweg scheint vorgezeichnet. Doch das Gegenteil tritt ein.
Wohl aufgrund einer von der Künstlerin nicht erwiderten Liebe bespricht sie ihr Förderer Leonard Feather ab 1957 nicht mehr, urteilt sogar negativ über die Entwicklung ihres Klavierspiels. Dies und die konsequente Verweigerung jeder Einmischung in ihre künstlerische Identität führen dazu, dass sie keine weiteren Aufnahmen macht und in immer kleineren Clubs spielt.
Ab 1960 tritt sie schließlich gar nicht mehr auf, und in Europa wird ihr Erfolg für lange Zeit eine singuläre Erscheinung bleiben. Das Klavier rührt sie nie wieder an. Ihre späteren Freunde erfahren erst aus ihren Nachrufen von ihrer Vergangenheit als Jazzpianistin. Der Livemusik jedoch bleibt sie treu. Sie fotografiert und zeichnet noch jahrzehntelang bei Auftritten in kleinen Jazzclubs, bevor sie am 7. April 2003 im Alter von 78 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs stirbt.
Jutta Hipp hat sich von niemandem verbiegen lassen. Ihre Haltung war stark und ihrer Zeit weit voraus. Alleine dass sie (in den alles andere als gleichberechtigten 1950er-Jahren) einem äußerst einflussreichen Mann, der von ihr amouröses Entgegenkommen im Austausch für gute Presserezensionen erwartet, die kalte Schulter zeigt und dafür ihre ganze Karriere opfert, verdient Respekt und Bewunderung. Traurig macht es natürlich auch.
Nach Jutta Hipp, der gebürtigen Leipzigerin und Europas berühmtester Jazzpianistin der 1950er-Jahre, wurde im Jahr 2011 am Leipziger Stadtrand im Südosten, etwa 23 Autominuten vom Zentrum entfernt, ein kleiner Weg benannt. Die Rudolf-Hildebrand-Schule, die Jutta Hipp besuchte, wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Markkleeberg verlegt. Sie bietet heute unter anderem eine musische Intensivausbildung an. Man muss von dieser Schule durch ganz Markkleeberg laufen, um zu einem weiteren Jutta-Hipp-Weg zu kommen. Dieser endet nach nur 170 Metern in einer Sackgasse vor einem Bowlingcenter.
Auch in Anbetracht dieses territorial gesehenen Schattendaseins freut es mich sehr, dass es im April und Mai diesen Jahres in Leipzig und Plauen ein Theaterstück unter dem Titel Die Jazzpianistin über das Leben dieser großartigen Frau geben wird. Ich bin mir sicher, dass es einen Besuch wert ist.