Kolumne

Tim Thoelke über Seemänner und Tätowierungen

 

Foto: Enrico Meyer

Im Frühjahr war ich mal wieder für ein paar Tage an der Ostsee. Wie immer genoss ich meinen Aufenthalt außerordentlich, lange Strandspaziergänge und gutes Essen in Kombination mit frischer Seeluft sorgten für angenehme und unaufgeregte Tage.

Eines Abends wollte ich nicht recht müde werden und so entschloss ich mich, auf einen Schlummertrunk in eine nahe Kneipe mit Blick auf den Hafen zu gehen. Der Laden war noch gut gefüllt und alle Tische besetzt, also nahm ich an der Bar neben einem älteren Mann Platz, der aussah, als gehörte er zur maritimen Einrichtung: auf dem Kopf eine Elbseglermütze, das Gesicht sonnengegerbt, die Hände in einer Marinejacke vergraben. Nach einer Weile kamen wir ins Gespräch über das Wetter („Ja, abends zieht das schon noch ganz schön an“) und nach einer Runde Kümmelschnaps beklagte er den Verfall des Fischereihandwerks und die Herrschaft der Brötchenkutter.

 

Nachdem die kleinen Gläser vor uns zum zweiten Mal gefüllt und geleert worden waren, deutete ich auf eine Stelle direkt über seiner rechten Hand, an der sich eine verwaschene Tätowierung befand. Mit etwas Fantasie konnte man die grau-blauen Umrisse eines Ankers identifizieren. Von wann die sei, fragte ich den Mann. „Das war 64, nach meinem ersten Mal über den Atlantik“, antwortete er und erklärte mit hochgezogenen Augenbrauen, dass man sich diese Bilder zu seiner Zeit noch verdienen musste. Wenn man einen Anker haben wollte, dann musste man einmal über den Atlantik gefahren sein, für ein Segelschiff sogar Kap Hoorn gerundet haben. „Und für so eine Schwalbe“, sagte er, drehte den Arm um und präsentierte einen weiteren Fleck, „musstest du mindestens 5000 Seemeilen auf dem Buckel haben. Wenn damals irgendein Decksjunge im ersten Lehrjahr mit so einem Ding rumgelaufen ist, hat der direkt was in die Fresse gekriegt.“

 

Dann kippte er den nächsten Kümmel runter und sagte: „Wenn dich solche Tätowierungen interessieren, dann hätte ich da eine Geschichte für dich.“

 

Daraufhin erzählte er mir von dem Matrosen Paul, der von jeder Reise ein Souvenir in Gestalt eines Tattoos mitbrachte. Blumen aus Hawaii, Möwen aus St. Pauli, ein Steuerrad aus Hongkong, den Körper des Seemanns zierten bald Motive aus allen Ecken der Welt. Eines Tages legte er in Santo Domingo an und traf dort in einer Hafenbar auf einen Heizer, der ortskundig schien. Der Matrose erzählte ihm von seiner Leidenschaft für Körperschmuck und für ein paar Gläser Rum führte ihn der Heizer in ein düsteres Viertel zu einem alten Tätowierer, der in einem Keller bei Kerzenlicht saß. Was denn sein Wunsch sei, fragte ihn der alte Mann und der Matrose antwortete, er wünsche sich ein Bild, das so sei wie die See: so schön, so liebenswert und so zum Fürchten. „So sei es“, sprach der Meister der Tinte und machte sich ans Werk. Erst spät in der Nacht kam der Matrose zurück auf sein Schiff und auf seinem Unterarm war nun das Bild einer Meerjungfrau. Die Tätowierung war ein wahres Meisterstück, schöner als jede, die er je gesehen hatte, und Paul wurde warm ums Herz, wann immer er sie ansah.

 

Dann, eines Tages auf hoher See, kippte das Wetter und Matrose Paul geriet mit seinen Kameraden in einen ausgewachsenen Sturm. Der Sturm war so schlimm, dass er Trost suchte in den wachen und sanften Augen der Meerjungfrau, doch als er den Ärmel seiner Jacke nach oben schob, gefror ihm das Blut im Herzen. Mit Entsetzen sah er, dass sich das Abbild auf seiner Haut furchtbar verändert hatte, aus der bezaubernden Schönheit war eine abscheuliche Bestie geworden. Statt des gütigen Lächelns, das ihn die letzten Wochen erfreut hatte, sah er in die verzerrte Fratze einer Hexe, mit spitzen gebogenen Zähnen und rot glühenden Augen, die zarten Hände hatten sich in blutige Klauen mit langen gelben Krallen verwandelt. Mit einem Schrei auf den Lippen riss er den Ärmel seiner Regenjacke herunter, um das gottlose Ungeheuer wieder zu verbergen. Grausame Gedanken trieben ihn um, als der Matrose wie betäubt seine Arbeit an Deck verrichtete, bis der Sturm sich nach vielen Stunden schließlich wieder legte.

 

Als er sich später in seine Koje zurückzog, war er fest entschlossen, dem Spuk ein Ende zu bereiten. Wie schwer er sich dabei auch verletzen würde, er schwor sich, diesem Monstrum sein Fischermesser in den teuflischen Körper zu rammen. Doch als er seinen Unterarm vorsichtig freilegte, war von der Bestie nichts mehr zu sehen. Als hätte es sie nie gegeben, lächelte ihn wieder seine Meerjungfrau an, das liebevollste Wesen, das seine Augen je erblickt hatten.

 

Und so ging es fortan: Bei ruhiger See erfreute der Seemann sich an der geliebten Nixe, doch sobald ihr Blick anfing sich zu verdunkeln, wusste er, ein Sturm war im Anzug. Matrose Paul wurde nie wieder von schlechtem Wetter überrascht und erreichte sein Leben lang sicher das Land. Zu einem Tätowierer aber ging er nie wieder.

 

So beendete der alte Mann seine Geschichte. Er prostete mir mit glasigen Augen ein letztes Mal zu, stand auf und ging leicht wankend zur Tür, die linke Hand noch immer in der Jackentasche. Als er draußen war, räumte der Wirt die Gläser weg und sagte: „Der alte Paul verträgt nicht mehr viel. Der ist früher ganz schön rumgekommen. Doch dann gab's 'nen schweren Unfall mit 'nem Schiffskran. Hat ihm den Unterarm abgerissen. Seitdem ist er nicht mehr derselbe. Darf's noch was sein?“

 

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