Kolumne

Tim Thoelke über Knast-Punkte, Dandytum und Oscar Wilde

 

 

Foto: Enrico Meyer

Ob ich nicht Jurymitglied beim „Moderenntag“ werden möchte, fragte mich neulich eine junge Frau nach einer Veranstaltung. Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass Anfang Juni „Mr. und Mrs. Scheibenholz“ auf der lokalen Pferderennbahn gekürt werden sollen und man sich über meine Expertise freuen würde.

 

Nun verstoße ich ja selbst gegen einige konservative Moderegeln, trage zum Beispiel meine Anzüge immer in Kombination mit Sneakern und gerne einen Tick zu kurz, wusste also nicht, ob ich der geeignete Mann für die Sache wäre. Auf der anderen Seite: Auch wenn ich einige Leitsätze der klassischen Herrenmode ignoriere – ich meine doch wenigstens zu wissen, gegen welche Direktive ich wann verstoße.

 

Und das gilt nicht für alle Männer, die mir begegnen. Viel zu oft sehe ich in jeder Hinsicht das Auge beleidigende Kleidung und bin mir sicher: Sie wird nicht aufgrund eines besonders kreativen Bekleidungsstils getragen.

 

Da sind diese Hosen, die so lang sind, dass ihr Beinstoff sich wie Teig in vier, fünf dicken Wellen auf die Schuhe windet – bei Anzügen, die viele Hundert Euro kosten, und ich frage mich, warum man nicht noch zwanzig Euro in eine Änderungsschneiderei investiert hat. Ebenso verstehe ich nicht die überlangen Ärmel, die fast die ganze Hand einhüllen – als wolle man drei tätowierte Knast-Punkte oder eine ansteckende Hautkrankheit verbergen. Ich stehe vor Großverdienern, deren Jacketts so eng sind, dass ich Angst habe, der lang gediente Zwirn ermüdet im nächsten Augenblick und gibt schließlich in einem Akt der Gnade den treuen Sakkoknopf frei, und befürchte, im Moment seiner Ejakulation von ihm getroffen zu werden.

 

Vor mir gehen Männer (und Frauen) auf erstklassigen Veranstaltungen mit noch zugenähten Jacken- und Mantelschlitzen, gerne in auffällig großem Kreuzstich – und ich werde den Verdacht nicht los, dass die Modebranche damit die Leute markiert, denen man die furchtbarsten Ladenhüter andrehen kann.

 

Auch Prominente, die eigentlich für alles Berater haben, fallen in dieser Hinsicht oft völlig aus dem Rahmen. Donald Trump zum Beispiel denkt offensichtlich, eine viel zu lang gebundene Krawatte gleicht andere viel zu kurz geratene Dinge aus.

 

Dabei ist heute ja eigentlich fast alles erlaubt: Anzug mit T-Shirt, mit Basecap, mit bunten Socken, große Karos, Mustermix, alles kein Problem. Und trotzdem tragen immer noch Leute die Socken passend zu den Schuhen und nicht zur Hose. Klar, dass man braune Schuhe nur bis 18 Uhr tragen darf, kann man getrost vergessen – aber dass hellblaue Hemden außerhalb des Büros nur bei Busfahrern gut aussehen, sollte man sich mal merken.

 

Wie auch immer, zurück zum Moderenntag: Nach kurzer Bedenkzeit sagte ich zu. Denn bei einem Auftritt auf der Rennbahn, da war ich mir sicher, geht es sowieso nicht um die Einhaltung der korrekten Etikette, sondern einzig und allein um gepflegtes Dandytum.

 

Ich kann sagen, dass ich in letzter Zeit hier in Leipzig häufiger und mit Vergnügen Menschen gesehen habe, die in diese Gattung fallen, und bin gespannt, was mich am 3. Juni erwartet (wer bei diesem Thema nach Inspiration sucht, dem sei nachdrücklich der Bildband „I am Dandy – The return of the elegant gentleman“ von Rose Callahan und Nathaniel Adams ans Herz gelegt).

 

Trotzdem muss man sagen, dass die Zeit des ganz klassischen Dandys vorbei ist. „Der Dandy muss sein ganzes Streben darauf richten, ohne Unterlass erhaben zu sein, er muss leben und schlafen vor einem Spiegel.“ So beschrieb Charles Baudelaire einst die Männer, die sich als Teil einer narzisstischen Avantgarde sahen und an nichts außer ihrem Aussehen und ihrer Zerstreuung interessiert waren. Dass moderne Dandys wie Tom Wolfe oder Christian Kracht für ihr Geld arbeiten, wäre dem Dandy des 19. Jahrhunderts zuwider gewesen. Politisches oder gesellschaftliches Interesse oder gar Engagement und bürgerliche Werte waren für diese Sorte Lebemänner kein Thema und nur Ausdruck spießbürgerlicher Moral.

 

Oscar Wilde, zum Beispiel, war, als Dandy seiner Zeit, nicht nur bekannt für ausgesuchte Herrengarderobe, sondern auch für seine Aussagen darüber, wie gelangweilt er von seinen eigenen Werken sei. So behauptete er zum Beispiel, dass er „Das Bildnis des Dorian Gray“ nur aufgrund einer Wette und innerhalb von wenigen Tagen geschrieben habe. In Wirklichkeit aber ist erwiesen, dass Wilde ein ausgesprochener Perfektionist war, der seine Texte immer und immer wieder korrigierte und verbesserte. Um seinen makellosen Ruf als Dandy jedoch nicht zu gefährden, verbarg er seinen Fleiß und Ehrgeiz vor der Öffentlichkeit. Doch in einem Brief an einen Freund im Frühjahr 1894 offenbarte er sich: „Der Welt erscheine ich, von meiner Seite absichtlich, bloß wie ein Dilettant und Dandy. […] Wie ernsthaftes Verhalten die Tarnung des Trottels ist, ist Gleichgültigkeit und Mangel an Sorge das Gewand des schlauen Mannes.“

 

Ich beende meine Kolumne an dieser Stelle – sie beginnt mich zu langweilen.

 

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