Kolumne

Tim Thoelke über Partys, Exzesse und Harald Juhnke

 

Foto: Enrico Meyer

Kaum sind wir aus dem Sommer raus (beim Schreiben dieser Zeilen immer noch mit nur einem Bein: 13 Grad, sonnig), gehen absurderweise auch schon wieder die ermüdenden Planungen für Weihnachten und Silvester los. Ja, Silvester … hach, ich freue mich schon wieder darauf zu lesen, in wie vielen Leipziger Clubs Herr Stallone den Jahreswechsel begehen wird, wie immer angekündigt mit „Sylvester im … (Club/Kneipe einsetzen)“.

 

Das Problem an Silvester ist ja, dass die Leute denken, dass an ausgerechnet diesem Tag die interessantesten Leute mit der ausgelassensten Stimmung aufeinandertreffen und die beste Musik der Welt hören, kurz: die krasseste Party aller Zeiten stattfinden wird, nein MUSS! Totaler Exzess (der im Rahmen bleibt), total verrückt (ohne ausfällig zu werden), einfach feiern wie zum letzten Mal (auch wenn morgen alles ganz normal weitergeht). Warum erwartet man, dass das alles ausgerechnet am 31. Dezember zusammenkommt?

 

Wir tanzen auf den Tischen, die Stimmung ist beschissen“, haben Deichkind einmal gesungen und damit viel zusammengefasst, was ich mit Silvester verbinde. Es muss eben einfach großartig werden, auch wenn eigentlich alles ziemlich doof ist. Die Preise zu hoch, das Essen zu schlecht, die Leute zu betrunken.

 

Ich stehe in diesem Punkt eindeutig hinter der Meinung von Entertainer und Lebemann Harald Juhnke. Der hatte nämlich neben seiner genialen Antwort auf die Frage, was seine Definition von Glück sei (Antwort: „Keine Termine und leicht einen sitzen“), auch ein passendes Statement zum letzten Tag des Jahres parat: „Ich hasse Silvester, da trinken auch die Amateure.“

 

Das Leben von Harald Juhnke wird übrigens nach dem Jahreswechsel, also irgendwann 2019, in Form eines Biopic als Zweiteiler ins Fernsehen kommen. Der Mann, der über sich selbst sagte: „Ich bin betrunken immer noch besser als andere nüchtern“, starb bekanntermaßen 2005 mit 75 Jahren an den Folgen seines Alkoholkonsums. Auch darin war er besser als viele andere: Als wollte er einen finalen Witz machen, schloss er seine Augen zum letzten Mal an einem 1. April.

 

Der Film soll im Berlin der Siebziger- und Achtzigerjahre spielen, auch wenn Juhnkes Karriere schon in den Fünfzigern und Sechzigern begann und er in diesem Zeitraum allein in 66 (!) Filmen mitspielte. Die Qualität der Streifen war allerdings oft schwach, was Juhnke so bewusst wie egal war.

 

Wenn das Telefon klingelte und irgendeine halbseidene Figur bot mir eine Filmrolle an, interessierten mich in den fünfziger Jahren nur drei Fragen: Wie hoch ist die Gage für den Quatsch? Wie hübsch sind meine Partnerinnen? Wo wird der Heuler heruntergespult, wie sonnig ist es dort?“, gestand er 1998 in seiner Autobiografie „Meine sieben Leben“.

 

Seine Filmbiografie wird nun also in dem Zeitraum spielen, in dem auch seine schwersten Alkoholabstürze stattgefunden haben, in seinem „Babylon Berlin“. Berliner Taxifahrer mussten damals Juhnkes Adresse in Berlin-Grunewald auswendig kennen, das gehörte quasi zur Ortskundeprüfung. Harald, der eigentlich Harry Heinz Herbert hieß, pflegte den Fahrern nur zu sagen, dass er nach Hause wolle – wenn er überhaupt noch sprechen konnte.

 

Ich selbst wollte vor vielen Jahren, als Student, auch mal einen Taxischein machen. Juhnkes Villa in der Lassenstraße hätte ich schon gefunden, als ich aber den Katalog mit Tausenden Detailinformationen zu Straßen, Plätzen, Behörden, Kirchen, Polizeiwachen, Krankenhäusern, Altersheimen, Friedhöfen, Hotels und Botschaften in der Hand hielt und es hieß, ich solle von jedem dieser Orte zu jedem beliebigen Ziel der Stadt den kürzesten Weg finden und zusätzlich alle Straßen, die mich dort hinführen, benennen können, hielt ich es für sinnvoller, weiterhin als zahlender Gast in ein Taxi zu steigen, vor deren Fahrern ich seitdem wesentlich mehr Respekt habe.

 

Und da sind wir bei dem Punkt, den ich an Silvester am schlimmsten finde: Man kriegt einfach kein Taxi.

 

 

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