Kolumne

Tim Thoelke über Mario Basler, Impotenz und Lucky Luke

 

 

Foto: Enrico Meyer

Als Mario Basler vor ein paar Tagen bei einer Pressekonferenz ins Mikrofon bellte: „Ich hab als Spieler auch schon geraucht. Und jetzt noch einmal für alle: Ich rauche nach wie vor!“, ist mir aufgefallen, dass ich jetzt schon seit 13 Jahren ohne den blauen Dunst auskomme.

 

Es war im Frühjahr 2004, ich führte meinen Lungen damals noch mindestens 30 Zigaretten am Tag zu, als ich feststellen musste, dass ich zu diesem Zeitpunkt länger Raucher als Nichtraucher war. Seitdem ich mit 15 damit angefangen hatte, gab es für mich keinen einzigen Tag ohne Kippen mehr, ob im Zug, im Taxi oder im Flugzeug (ja, das alles war noch erlaubt), ob ich gesund war oder mit Fieber im Bett lag, ich habe immer geraucht. 17 Jahre lang. Ohne Filter.

 

Tatsächlich tangierten mich damals Geschichten über Raucherbeine, Krebs und Impotenz nicht besonders, dafür nagte aber auf einmal die Tatsache an mir, dass ich, auch wenn ich meine gesamte Kindheit dazurechnete, mehr Jahre des Rauchens auf der Lebensuhr hatte als Nichtraucherjahre. Das klang wie die Vita eines fertigen alten Sacks und alles andere als cool, und genau genommen fiel damit der einzige Grund in sich zusammen, wegen dem ich überhaupt einmal mit dem Ganzen angefangen hatte. Durch meine jugendlichen Augen sah es nämlich ziemlich cool aus, wenn jemand an einer brennenden Zigarette zog, unbeteiligt den Rauch in die eine Richtung blies, während er lässig in die andere guckte. Deswegen rauchten ja auch die beiden coolsten Typen der Filmgeschichte: James Bond und Lucky Luke. Angus Young quarzte wie ein Schlot und ziemlich sicher auch alle anderen Gitarristen weltweit. Der große Bruder meines besten Freundes, der schon eine 80er fuhr, hing genauso an der Kippe wie die langhaarigen Typen in der dunklen Ecke des Pausenhofs. Kurz: Einfach alle Menschen, die ich bewunderte, rauchten. Also entschied ich, dass es mit 15 höchste Zeit war, auch endlich damit anzufangen – und traf damit die dümmste Entscheidung meines Lebens.

 

Einige Jahre später hatte ich einen Freund, dessen Eltern Inhaber eines Bestattungsinstituts waren. Da die Familie mit Nachnamen Marten hieß, hatte der Junge bei uns schnell den Spitznamen Spaten-Marten weg. Spaten-Marten erzählte uns einmal folgende Geschichte: Wenn die trauernden Angehörigen im Büro seines Vaters saßen und fragten: „Darf man hier rauchen?“, hatte der Senior die immer gleiche Antwort parat. Während er den Aschenbecher aus seiner Schreibtischschublade holte, antwortete er mit einem sanften Lächeln: „Natürlich, davon leben wir doch!“

 

Ja, das war cool. Doch im Frühjahr 2004 wurde mir klar, dass ein Glimmstängel in der Hand eines Über-30-Jährigen leider nur noch so cool ist wie ein Nordic Walking Stick. So cool, wie wenn man „zum Bleistift“ sagt. So cool wie ein Hard-Rock-Cafe-T-Shirt. Ergo: das Gegenteil von cool.

 

Also beschloss ich, damit aufzuhören. Ich überlegte mir hierzu folgende Taktik: Da es neben der Überwindung der Nikotinsucht auch galt, mit persönlichen Ritualen zu brechen, nahm ich mir vor, all diese Rituale schon zu überwinden, während ich noch rauchte. Ich fing also damit an, die morgendliche erste Zigarette jeden Tag etwas später anzuzünden als am Tag zuvor. Erst rauchte ich nicht mehr vor dem Frühstück, dann nicht mehr vor dem ersten Kaffee, später nicht während der ersten Stunde des Tages, dann nicht während der ersten zwei Stunden usw. Das fiel mir nicht leicht, die Aussicht, nach der jeweiligen Pause aber wieder die volle Menge Nikotin, Teer und Blausäure konsumieren zu dürfen, half immens. Nach einigen Monaten hatte ich meine Sucht so weit in die Bahn gebracht, dass ich nur noch spätabends rauchte. Damit hatte ich automatisch all meine geliebten Raucherrituale überwunden: Ich konnte inzwischen Kaffee und Bier trinken, fett essen, Sex haben, eine Wand streichen, etwas aus Holz bauen und den Abwasch machen – alles ohne die obligatorische Kippe danach.

 

Leider rauchte ich aber immer noch genauso viel wie vorher, also musste Schritt zwei folgen: das eigentliche Aufhören – und das war die Hölle. Kaugummis halfen ein wenig, zum richtigen Zeitpunkt eine Tüte Chips, eine kalte Dusche oder mit dem Kopf auf die Tischplatte schlagen auch, in jedem Fall musste ich sämtliche Willenskraft zusammennehmen und war trotzdem etwa ein Jahr voll auf Entzug und entsprechend schlecht gelaunt. Am Anfang kam der Schmacht noch alle ein bis zwei Minuten, dann jede Stunde und schließlich, Stand heute, nur noch ein- bis zweimal im Jahr. Das war definitiv die härteste Challenge meines Lebens, und ich werde sie mir nicht noch einmal aufbürden – nie wieder stecke ich mir etwas Brennendes in den Mund.

 

Auch nach 13 Jahren Abstinenz ist die Sucht immer noch da, sie schlummert tief in mir und wartet auf den einen schwachen Moment. Ich gebe es zu, wenn ich heute die Nachricht bekäme, dass ein Komet auf die Erde zurast und ich nur noch ein paar Stunden zu leben hätte, mein erster Gang wäre der zum Zigarettenautomaten. Ich würde eine letzte Schachtel herausziehen, mir eine letzte Kippe anzünden, die Augen schließen und tief einatmen. Und dann würde ich unbeteiligt den Rauch in die eine Richtung blasen und lässig in die andere gucken.

 

Nein, im Ernst, ich würde natürlich einfach nur husten.

 

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